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Stuttgart Wahlforscher Brettschneider hält Rennen für spannend

„Schreier ist die große Wundertüte“

Stuttgart.„Karrierist“, „Egoist“, „Wichtigtuer“, „Egoshooter“ – beim Blick auf die einschlägigen Internetplattformen findet Marian Schreier in Bezug auf den Stuttgarter OB-Wahlkampf seit Mittwoch reichlich unschöne Bezeichnungen für sich. Schwacher Trost: Seinem Mitbewerber Hannes Rockenbauch geht es dort nicht viel besser. Beide hatten sich am Mittwoch dafür entschieden, erneut anzutreten, und den Versuch für gescheitert erklärt, sich gemeinsam mit Veronika Kienzle (Grüne) und Martin Körner (SPD) – beide hatten verzichtet – auf ein Handlungspapier und einen Kandidaten für den zweiten Wahlgang zu einigen.

Seitdem schiebt sich das Mittel-Links-Lager der Stuttgarter Kommunalpolitik gegenseitig die Schuld zu. Einigkeit herrscht allenfalls darüber, dass der trotz SPD-Parteibuch als unabhängiger Kandidat angetretene Schreier und der SÖS/Linken-Fraktionschef Rockenbauch auf diese Art dem CDU-Kandidaten Frank Nopper, im ersten Wahlgang klar vorn, am 29. November auf den Chefsessel im Stuttgarter Rathaus verhelfen könnten. Kienzle und auch Rockenbauch hatten Schreier vorgeworfen, in den zweitägigen intensiven Gesprächen auf seiner Kandidatur beharrt und sich einer „konsensualen Lösung verschlossen zu haben“.

Unabhängiger Kandidat

Schreier indessen ließ die Kritik an sich abprallen. „Sie wissen, der Sündenbock ist kein Herdentier. Ich möchte mich aber nicht dazu äußern und beteilige mich nicht an Schuldzuweisungen. Ich habe die persönliche Integrität meiner Mitbewerber nie in Frage gestellt und werde das auch jetzt nicht tun“, sagte Schreier am Freitag in Stuttgart. Der 30-jährige Bürgermeister von Tengen (Kreis Konstanz) beteuerte aber, ergebnisoffen in die Gespräche mit Kienzle, Rockenbauch und Körner gegangen zu sein. Er trat zudem Berichten entgegen, wonach er nach dem Rückzug von Martin Körner nun der offizielle SPD-Kandidat sei. „Ich kandidiere weiter unabhängig, ohne finanzielle oder organisatorische Unterstützung einer Partei. Das war bislang so und wird auch so bleiben“, sagte Schreier. Für den Kommunikationswissenschaftler und Wahlforscher Frank Brettschneider von der Universität Hohenheim ist Marian Schreier im Stuttgarter OB-Wahlkampf „die große Wundertüte“. „Das Ergebnis vom Sonntag hat mich tatsächlich überrascht“, sagte Brettschneider. Brettschneider sieht Noppers Chancen auf einen Wahlsieg durch die gegenseitige Konkurrenz, die sich Schreier und Rockenbauch in einem ähnlichen Stimmenlager machen, eher gestärkt.

Dennoch hält er das Rennen um die Nachfolge des nicht erneut kandidierenden Fritz Kuhn (Grüne) längst nicht für gelaufen. Während Rockenbauch in der Stadt eher als Aktivist denn als Kommunalpolitiker wahrgenommen werde, habe Schreier mit seiner Kampagne offenbar einen Nerv in vielen Bevölkerungsgruppen getroffen. Jetzt komme es darauf an, ob Schreiers Team eine weitere Dynamik entwickeln und potenzielle Grünen- und Links-Stimmen einsammeln könnte, die einen CDU-Rathauschef verhindern wollten.

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