Länder

Justiz Ältere Menschen werden zur Belastung in Haftanstalten / Einrichtungen kaum für Pflege ausgerichtet / Experten erarbeiten Empfehlungen

Senioren im Gefängnis: Neue Konzepte gesucht

Archivartikel

Karlsruhe.Der eine betagte Häftling konnte sein Fleisch nicht mehr schneiden und sich nicht mehr alleine waschen. Ein anderer saß im Rollstuhl und kam in seiner Gefängniszelle kaum zurecht. Ein weiterer alter Mann litt enorm unter dem Lärm und Stress in der Justizvollzugsanstalt, der nächste hatte keine Zähne mehr und große Probleme, das Brot im Gefängnis zu kauen. Der Gefängnisseelsorger Igor Lindner, der auch Vorsitzender der Evangelischen Konferenz für Gefängnisseelsorge in Deutschland ist und seit 2009 an der JVA Offenburg arbeitet, hat im Laufe seiner Tätigkeit so einige betagte Häftlinge begleitet. Er weiß: „Der Vollzug ist nicht darauf ausgerichtet, ältere Menschen in ihrer besonderen Situation zu betreuen.“

Das führt zunehmend zu Problemen für die Gefängnisse im Südwesten und auch bundesweit. Denn die Zahl älterer und alter Menschen in Haft steigt. Zum einen sind es die, die langjährige Strafen verbüßen und im Gefängnis alt werden. Zum anderen landen auch immer mehr Menschen im letzten Lebensdrittel im Knast: Vor allem Betrugs-, Trunkenheits-, aber auch Sexualdelikte spielten dabei eine Rolle, sagt der Direktor des Justizvollzugskrankenhauses (JVK) Hohenasperg, Martin Priwitzer. Senioren, die zum ersten Mal ins Gefängnis kommen – „ich habe vor 20 Jahren im Vollzug gearbeitet, da gab es das praktisch nicht“, erzählt er. Jetzt sei das keine Ausnahme mehr.

Priwitzer ist Mitglied einer Anfang vergangenen Jahres vom Land gebildeten sogenannten Expertenkommission zur Verbesserung und Weiterentwicklung der medizinischen Versorgung im Justizvollzug, kurz Expertenkommission Medizinkonzept. Mit im Boot sind etwa Anstaltsleiter, JVA-Beamte und auch Personal aus pflegerischen Bereichen. Zentrales Thema ist laut Justizministerium die Versorgung älterer und pflegebedürftiger Menschen in Haft. Hier würden konkrete Empfehlungen etwa zur Einrichtung von Pflegeabteilungen und Personalmaßnahmen in bereits vorhandenen Krankenabteilungen erarbeitet, sagt Minister Guido Wolf (CDU). Ergebnisse soll es – coronabedingt – erst Anfang 2021 geben. Laut Justizministerium waren im Februar dieses Jahres von 5643 Häftlingen im Land 291 Menschen 60 Jahre oder älter. Das entspricht 5,2 Prozent. „Die demografische Entwicklung spiegelt sich auch in unseren Gefängnissen“, sagt Wolf. „Diese Entwicklung wird weitergehen, und sie stellt den Justizvollzug vor neue Aufgaben.“

50 spezielle Plätze

Zwar gibt es im Land seit Jahren die Außenstelle der JVA Konstanz in Singen mit knapp 50 Plätzen, die sich um ältere Häftlinge jenseits der 60 kümmert. Spezielle Seniorenabteilungen in anderen JVAs gibt es aber nicht – auch wenn einige Gefängnisse wie etwa in Bruchsal, Stuttgart, Heilbronn oder Mannheim über gute pflegerische Angebote oder Beschäftigungsmöglichkeiten für die Alten verfügen. lsw

Zum Thema