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Freizeit Frankfurt lässt Kinder unter 15 Jahren kostenlos schwimmen / Aktion weckt im Umland Befürchtungen

Sorge bei kleinen Bädern

Archivartikel

Frankfurt.Nervenkitzel auf der „Black Hole“-Rutsche im Rebstockbad, mit den Kleinen ins Planschbecken der Titus Therme oder sportlich Bahnen ziehen im Brentanobad. Das alles soll für Kinder und junge Jugendliche ab Februar in Frankfurt kostenlos sein. Während viele kleinere Kommunen in Hessen die Eintrittspreise ihrer oft defizitären Bäder erhöhen mussten, geht die Großstadt den umgekehrten Weg. Nach Angaben der Verantwortlichen ist das einmalig in Hessen und sehr selten in Deutschland.

Was die Stadt nun als einen Schritt für mehr Bewegung und gegen die wachsende Zahl von Nichtschwimmern feiert, könnte die Situation in den umliegenden Kommunen jedoch verschärfen. Mit dem hessischen Städte- und Gemeindebund sei das Vorgehen nicht abgestimmt, sagt dessen geschäftsführender Direktor Karl-Christian Schelzke. Auch wenn er den Schritt grundsätzlich positiv bewertet, bereitet er ihm auch Sorge: „Wenn Schwimmbadbesucher aus den Umlandgemeinden nach Frankfurt abgezogen werden, könnte es die Kommunen in Bedrängnis bringen.“ Neben verschärftem wirtschaftlichen Druck in den Bädern könne auch die politische Forderung aufkommen, dem Vorbild von Frankfurt zu folgen. Doch das sei für viele kleinere Gemeinden schwierig.

Entgegen den Befürchtungen des Gemeindebundes glaubt der Geschäftsführer der Bäderbetriebe Frankfurt, Frank Müller, dass der Schritt keine negativen Auswirkungen auf die Umlandgemeinden haben wird. Im vergangenen Sommer seien auch die Bäder der Gemeinden in der Region ausgelastet gewesen, viele hätten selbst vergünstigte Angebote für junge Besucher: „Ich glaube, dass sich das im Rhein-Main-Gebiet gut verteilen wird.“

Schwierige Erhaltung

Der Erhalt der Bäder in Hessen ist für die meisten Kommunen ein Kraftakt. „Es gibt eine Bäderkrise – und zwar in erster Linie eine Krise der Finanzierung von Sanierungs- und Modernisierungsmaßnahmen“, berichtet Landessportbund-Präsident Rolf Müller in der Januar-Ausgabe der Zeitschrift seines Verbandes. Viele Bäder seien vielleicht noch nicht gestorben, dem Tod aber nahe, wenn nicht dringend etwas passiere, heißt es in dem Bericht. „Es ist ein grundsätzliches Problem für Kommunen, Bäder zu erhalten“, sagt auch Schelzke. Der Städte- und Gemeindebund fordert dafür auch mehr Engagement vom Land Hessen. Die zehn Millionen pro Jahr für die nächsten fünf Jahre des Schwimmbad-Investitions- und Modernisierungsprogramms (SWIM) reichten nicht aus. Schließlich gehe es auch um das gesamtgesellschaftliche Problem, die wachsende Zahl von Nichtschwimmern einzudämmen.

„Die Hessische Landesregierung unterstreicht durch die Neuauflage eines Schwimmbadprogramms, dass sie die Bedeutung der Bäder sowohl für den ländlichen Raum, als auch für den Schwimmsport würdigt und deren Erhalt und Modernisierung gezielt fördert“, teilte Sportminister Peter Beuth mit. Formal gehören der Bau und die Sanierung von Schwimmbädern nicht zu den Aufgaben des Landes.

Das Interesse an dem 2019 gestarteten Programm ist groß – und zeigt damit wohl auch den Bedarf: Bis Freitag seien mehr als 160 Investitionsmaßnahmen für die Aufnahme in das Förderprogramm angemeldet worden, berichtet das Ministerium. Die Anmeldungen zeigten einen Schwerpunkt auf Freibäder. Dies könne damit zusammenhängen, dass sich ein abgelaufenes Förderprogramm auf Hallenbäder bezog.

Engagement der Bürger

Die Sache überwiegend selbst in die Hand genommen haben Menschen in der Gemeinde Mücke im Vogelsbergkreis. Vor Jahren haben sich dort Bürger zu einer Genossenschaft zusammengetan, um das geschlossene Hallenbad umzubauen und unter dem Namen „Aquariohm“ wieder zu öffnen. Seitdem laufe der Betrieb gut, sagt Betriebsleiterin Madeleine Clausing. „Natürlich ist es nicht einfach, wenn man immer um sein eigenes Brot kämpfen muss“, sagt Clausing. Das stärke aber auch den Zusammenhalt.

Anfang des Jahres habe die Bürgergenossenschaft die Eintrittspreise um 30 Cent erhöhen müssen. Einige Besucher hätten dann angeboten, noch mehr zu bezahlen. „Die Menschen identifizieren sich definitiv mehr mit ihrem Bad“, sagt Clausing. Im Umkreis von 30 Kilometern gebe es nur wenig Freizeitangebot. „Wir müssen einfach gegen das Bädersterben vorgehen. Wenn die kleinen Bäder zumachen, haben wir kulturell hier gar nichts mehr zu bieten.“