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Interview Bürgermeister Michael Benitz übt Kritik

„Staufen hat mit der Sache nichts zu tun“

Archivartikel

Staufen.Michael Benitz (54) ist seit 2001 Bürgermeister von Staufen. 2017 wurde er zum zweiten Mal wiedergewählt – ohne Gegenkandidat.

Herr Benitz, Staufen steht inzwischen fast sinnbildlich für den grausamen Missbrauch eines Jungen. Wie gehen Sie damit um?

Michael Benitz: Wir können alle nichts dafür, dass diese Mutter mit ihrem Sohn, der ja über einen viel längeren Zeitraum missbraucht worden ist, zugezogen ist. Diese Frau kannte niemand. Das Kind ging nicht einmal hier zur Schule, sondern meines Wissens in Freiburg in eine Privatschule. Und trotzdem ist daraus der Staufener Missbrauchsfall geworden. Natürlich macht es mich betroffen, dass einem Kind so etwas angetan wird. Das geht sicher jedem Staufener so. Aber mit unserer Stadt hat es wenig zu tun. Mich betrifft deshalb auch, dass der Name Staufen nun permanent im Zusammenhang mit diesem Fall genannt wird. Diese Stadt ist wegen der Hebungsrisse seit 2007 sowieso ständig im Blickpunkt der Öffentlichkeit.

In der Straße, in der die Frau gewohnt hat, sollen viele weggezogen sein. Fürchten Sie negative Auswirkungen auf die Stadt?

Benitz: Bis jetzt kann ich noch keine negativen Auswirkungen feststellen. Wir haben jährlich 600 bis 700 Neubürger, mehr als 140 000 Übernachtungen und mehr als eine Million Tagestouristen pro Jahr. Wir leben insbesondere vom Tourismus, wir sind eine Ausflugsstadt, geprägt vom Einzelhandel und den Cafés in der Altstadt. Natürlich sind wir deshalb auch bemüht, am Image unserer Stadt zu arbeiten. Deshalb frage ich mich, warum der Missbrauchsfall auf Staufen reduziert wird, statt vom Missbrauchsfall im südlichen Breisgau zu sprechen. Denn die Misshandlungen haben ja nicht nur hier stattgefunden.

Hätten Sie als Stadt überhaupt einschreiten können?

Benitz: Schwierig. Da wir eine Gemeinde mit 8000 Einwohnern sind, haben wir kein eigenes Jugendamt, sondern der Landkreis Breisgau-Hochschwarzwald ist dafür zuständig. Etwas unternehmen können wir eigentlich nur, wenn wir Hinweise bekommen. Oder wenn wir in polizeiliche Ermittlungen eingebunden werden. Lediglich bei der Kinderbetreuung, wenn es da irgendwelche Auffälligkeiten gibt, dann wird sofort das Jugendamt kontaktiert.

Wie groß ist die Betroffenheit der Staufener Bürger?

Benitz: Natürlich ist sie groß. Da hört man Sätze wie: „Das ist doch furchtbar, was da passiert ist.“ Aber es ist auch nicht so, dass dieses Thema zu einem permanenten Stadtgespräch geworden ist. Ich glaube, es ist eine stille Betroffenheit. Die Menschen nehmen Anteil am Schicksal des Jungen. Aber das Leben muss weitergehen.

Wie kann dem Jungen jetzt geholfen werden?

Benitz: Der Junge ist inzwischen in der Obhut der Behörden. An ihn zu spenden, könnte dazu führen, dass die Ämter, die nun für seine Aufnahme aufkommen, Ansprüche erheben. Ob dem Jungen dann etwas von dem Geld bliebe, wäre fraglich. Deshalb haben wir an gemeinnützige Organisationen verwiesen wie den Weißen Ring und den Freiburger Verein Wendepunkt, der sich speziell um Missbrauchsopfer kümmert. Dem Jungen selbst kann ich nur wünschen, dass er sich irgendwann von diesem Trauma erholt.

Was würden Sie sich und Ihrer Stadt nach diesem Fall wünschen?

Benitz: Dass so etwas nie wieder vorkommt. Aber wer kann uns das garantieren? mol (Bild: dpa)

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