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Verkehr I Hessens Autofahrer standen 2016 auf einer Strecke von 119 000 Kilometern Länge

Staus dreimal um die Erde

Wiesbaden.Ein Verkehrsstau dreimal um die Erde herum - das ist ein Horrorszenario für Autofahrer. Doch von der Realität ist es nicht weit entfernt: Allein auf hessischen Autobahnen summierten sich laut ADAC die Staus im Jahr 2016 auf 119 000 Kilometer - das ist knapp der dreifache Erdumfang am Äquator. Und die Staus werden von Jahr zu Jahr länger: Im Jahr 2012 waren es nur 51 000 Kilometer gewesen. "Der Trend ist eindeutig", sagt Cornelius Blanke, Sprecher des ADAC Hessen-Thüringen.

Bundesweiter Trend

Was früher Ausnahme zum Ferienbeginn war, ist mittlerweile Dauerzustand im Berufsalltag. Ob A 661 bei Frankfurt oder die A 7 bei Kassel - trotz Navigationsgeräten und Straßenausbau stehen Autos und Lastwagen auf den großen Verkehrsadern oft im Stau.

In den Städten ist die Situation nicht besser. Dabei ist Hessen kein Einzelfall: Bundesweit haben Staustunden und Staukilometer zugenommen - im vergangenen Jahr allein um 20 Prozent. "Von dieser Verkehrs- und Stauentwicklung kann sich natürlich auch Hessen, als zentrales Transitland, nicht abkoppeln", sagt Marco Kreuter, Sprecher des Verkehrsministeriums in Wiesbaden. Ein Grund für die Entwicklung: Es sind immer mehr Autos auf den Straßen unterwegs. So rollten laut dem Land beispielsweise 2014 durchschnittlich 63 400 Fahrzeuge pro Tag über eine typische hessische Autobahn. 2016 waren es dann 66 060 Fahrzeuge. Hessens Autobahnen hätten "mit 25 Prozent über dem Bundesdurchschnitt die höchste Verkehrsbelastung aller Flächenländer", erklärt Kreuter.

Außerdem habe das Land die höchste Baustellendichte der großen Bundesländer. "In keinem anderen Flächenland gibt es mehr Baustellen pro Autobahnkilometer", sagt der Ministeriumssprecher. Das Straßennetz sei über Jahrzehnte nicht ausreichend in Schuss gehalten worden: "Die Folge war ein massiver Sanierungsstau. Diesen Sanierungsstau lösen wir seit vier Jahren auf." Dabei sind Hessens Autobahnen breiter und besser geworden, neue gibt es aber kaum: Seit 1995 sind gerade einmal 31 Streckenkilometer hinzugekommen.

Um den Ausbau für Verkehrsteilnehmer so erträglich wie möglich zu machen, setzt das Land auf ein Baustellen-Managementsystem. Das bestimme den Zeitraum von Tagesbaustellen automatisch so, "dass keine oder nur geringe Einschränkungen für den Verkehr entstehen", erläutert Kreuter. Potenzial im Kampf gegen Staus sieht das Land auch im autonomen Fahren. Selbstfahrende Autos vermieden Unfälle, was auch zu einer Reduzierung unfallbedingter Staus führen könne. Verkehrstechnik-Forscher Robert Hoyer von der Universität Kassel ist vorsichtiger: "Wenn man dem autonomen Fahren die heutige Straßenverkehrsordnung zugrunde legt, dann gibt es Probleme."

Kapazitäten nehmen ab

Die Verkehrskapazität werde zunächst rapide abnehmen, weil selbstfahrende Autos sich beispielsweise an bestehende Abstandsregelungen hielten. "Der Mensch macht das nicht", sagt Hoyer. Nötig seien neue Regeln für automatisiertes Fahren, weil die Systeme reaktionsschneller seien. Das könne zu Konflikten mit menschlichen Fahrern führen.

Laut Hoyer entstehen Staus durch Unfälle, durch Unruhen im Verkehr und ein fehlendes Tempolimit. Denn eine Einheitsgeschwindigkeit würde die Situation verbessern: "Bei Tempo 80 hat die Straße ihre höchste Kapazität", erklärt der Forscher.

Dabei ist auch der Landesregierung klar: Allein auf der Straße werde man die Verkehrsprobleme nicht lösen, erläutert Ministeriumssprecher Kreuter: "Denn wenn wir den Pendlern keine attraktiven Alternativen zum Auto bieten können, ist der Dauerstau programmiert."