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Verkehr Zahl schwerer Lkw-Unfälle auf Autobahnen steigt / Notbremsassistenten – falls vorhanden – werden oft abgeschaltet

Strobl will schärfere Gesetze

Archivartikel

Stuttgart.Die Schreckensbilder und Nachrichten gleichen sich, und sie häufen sich. Es gibt Tote, Schwerverletzte, ineinander verkeilte Fahrzeuge, Sperrungen und endlose Staus auf den Autobahnen. Anfang April bemerkt ein Sattelzugfahrer auf der A8 bei Pforzheim ein Stau-Ende zu spät und fährt auf einen stehenden Kleintransporter. Ende Februar endet ein mit Kranteilen beladener Lkw auf der A81 bei Stuttgart in einem Laster am Stau-Ende. Kurz zuvor sterben auf der A5 am Walldorfer Kreuz vier Menschen, als ein Lkw in ein Stau-Ende rast.

Folgenschwere Unfälle, die durch einen Lkw-Notbremsassistenten deutlich weniger schlimme Folgen gehabt hätten. Oder nach Einschätzung von Polizei und Experten sogar hätten verhindert werden könnten. Solche Notbremsassistenten sind seit 2015 in allen neuen schweren Lastwagen und Omnibussen Pflicht. Von Herbst 2018 an müssen sogar alle neuen Fahrzeuge über 3,5 Tonnen damit ausgerüstet werden.

Was niemand so recht erklären kann: Die Fahrer müssen sie Stand heute nicht benutzen. Die Systeme können einfach ausgeschaltet werden. Der baden-württembergische Innenminister Thomas Strobl (CDU) will das jetzt gemeinsam mit Kollegen aus Brandenburg und Niedersachsen ändern: Die Länder haben eine gemeinsame Bundesratsinitiative zur Verschärfung der Gesetzgebung zu Lkw-Notbremsassistenten und Abstandswarnern gestartet. Ziel: Die Sicherheitssysteme sollen nicht mehr dauerhaft manuell ausgeschaltet werden können.

Viele Unfälle am Stau-Ende

Strobl reagiert auf die steigende Zahl von Unfällen mit Lastwagen auf Autobahnen. Von den 458 Verkehrstoten im Jahr 2017 in Baden-Württemberg seien 111 Menschen bei Unfällen mit Lkw ums Leben gekommen – ein Plus von 20,7 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Damit geht fast ein Viertel der Verkehrstoten auf Lkw-Unfälle zurück. 23 dieser Unfälle ereigneten sich laut Innenministerium an Stau-Enden auf Autobahnen.

„Viele davon hätten durch den Einsatz des Notbremsassistenten verhindert werden können oder hätten zumindest spürbar weniger schlimme Folgen gehabt“, sagt Sören Hohmann. Der Professor für Elektrotechnik und Leiter des Instituts für Regelungs- und Steuerungssysteme am Karlsruher Institut für Technologie (KIT) forscht seit Jahren zu aktiven Sicherheitssystemen. Er weiß: Die Technik kann schon mehr, als derzeit vom Gesetzgeber zugelassen oder verlangt wird. „Die Systeme und Sensoren sind im Vergleich zu früher viel besser geworden und werden stetig weiterentwickelt.“

In Stufen könnten Systeme über Warntöne, die Unterstützung des Fahrers beim Bremsen bis zur nicht ausschaltbaren Vollbremsung vor einem Aufprall eingesetzt werden. Aber die Systeme sind teuer, die Lkw-Bauer stehen unter Konkurrenzdruck, und ein Nachrüsten älterer Fahrzeuge ist oft nicht möglich.

Hohmann weiß auch: Die Frage, warum man den Notbremsassistenten ausschalten kann, ist so einfach nicht zu beantworten. „Da bewegt man sich im Spannungsfeld zwischen haftungs- und versicherungsrechtlichen Fragen. Was ist noch ein Assistenzsystem, was ist schon autonomes Fahren? Wann darf ein Fahrer das System noch übersteuern, wann übernimmt es völlig die Kontrolle?“ Fragen, bei denen die Rechtslage geklärt werden muss – und das auf EU-Ebene. Die Empfehlung des Forschers allerdings ist klar: „Die Systeme gehören ins Auto und nicht ausgeschaltet.“

„Keine zwei Meinungen“

Das sehen auch Spediteure und Busfahrer so. In Stausituationen, beim Überholen im dichten Verkehr auf Autobahnen oder in innerstädtischen Verkehr – fordern die Kraftfahrprofis – müssten Sicherheitssysteme vom Fahrer kurzfristig „übersteuert“ werden können. „Aber wir sind klar dagegen, dass der Notbremsassistent ganz abgeschaltet werden kann“, sagt Andrea Marongiu, Geschäftsführer des Verbands Spedition und Logistik Baden-Württemberg. „Da gibt es in der Branche keine zwei Meinungen.“

Pkw-Fahrern, die sich im Stau auf Autobahnen gegen einen Lkw-Aufprall von hinten schützen wollen, rät ADAC-Südwest-Sprecher Reimund Elbe: „Die Verkehrssituation aufmerksam beobachten, in den Rückspiegel schauen, die mittlere oder linke Spur benutzen und Abstand nach vorne halten.“