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Natur Bestand von Fichten und Buchen in Hessen gefährdet / Viele Besitzer zahlungsunfähig

Sturm und Käfer bedrohen Wald

Archivartikel

Wiesbaden.Der Starkregen vom Wochenende hat vor allem in Nordhessen Schäden verursacht. Doch den privaten und kommunalen Waldbesitzern machen noch immer die schlimmen Folgen der langen Trockenheit und Dürre viel größeres Kopfzerbrechen. Die dabei und bei den vorausgegangenen Sturmschäden umgestürzten Bäume und abgebrochenen Äste sind noch längst nicht beseitigt, da drohen gewaltige Mengen von Borkenkäfern auch die letzten Fichten zu vernichten. Und das alles in einer Zeit, in der die nichtstaatlichen Waldbesitzer auch finanziell mit dem Ruin kämpfen. Denn der Holzpreis ist wegen der großen Mengen an Schadholz noch immer im Keller, und die Corona-Pandemie tut ein Übriges, um die Probleme noch zu vergrößern.

Hilfen reichen nicht aus

„Viele Waldeigentümer sind zahlungsunfähig und nicht mehr in der Lage, ihren Wald zu unterhalten“, sagt der Präsident des hessischen Waldbesitzerverbands, Michael Freiherr von der Tann. Wie dramatisch die Lage ist, zeigt auch seine Warnung, die Verkehrssicherungspflicht und die Aufgabe, den Wald der Öffentlichkeit zugänglich zu machen, könnten vielleicht bald nicht mehr möglich sein. Allein die Kosten für das Beseitigen der Schäden und das bloße Herausräumen der Bäume übersteigen nach seinen Worten schon heute deutlich den Ertrag.

Zwar haben Bund und Land schon Hilfen wegen der Dürreschäden im Wald zugesagt. Aber erstens reichten die auf vier Jahre gestreckten Zahlungen bei Weitem nicht aus, seien mit viel Bürokratie verbunden und kämen entsprechend langsam bei den Waldbesitzern an. Und zweitens sei die wirtschaftliche Lage der Forstwirtschaft inzwischen so schlimm, dass die Betroffenen nicht einmal die verlangte Mitfinanzierung als Voraussetzung für den Abruf der Fördermittel aufbringen könnten.

Wirkliche Hilfe zur Sicherung der rund 57 000 Arbeitsplätze im Bereich Holz- und Forstwirtschaft und beim Überleben der Betriebe könnten nur noch reine Zuschüsse ohne größere Auflagen bringen. Hubertus von Roeder, Waldbesitzer aus Nordhessen, nennt auch gleich eine konkrete Zahl dafür: 200 Euro pro Hektar Waldfläche und Jahr seien nötig, um dafür zu sorgen, dass beispielsweise auch die nötige Wiederaufforstung in Angriff genommen wird.

Es kam in den vergangenen Jahren viel zusammen, dass die Waldbesitzer in diese prekäre Lage gekommen sind: Erst richteten die schweren Stürme des Orkantiefs „Friederike“ im Januar 2018 schwere Schäden an. Dann kamen gleich zwei Jahrhundertsommer mit tropischen Temperaturen und lang anhaltender Trockenheit hinzu, und dem jüngsten Regen zum Trotz kann auch für 2020 noch keineswegs Entwarnung gegeben werden. Die ersten Monate des Jahres seien auch viel zu trocken gewesen, berichten die Waldbesitzer. Die Borkenkäferpopulation hat sich so stark vermehrt, dass die Tiere in einigen Regionen gerade den Fichtenbestand buchstäblich auffräßen. Allein bis März sind den Angaben zufolge bereits 32 000 Hektar Wald in Hessen dem Borkenkäfer zum Opfer gefallen und gefällt worden. Das ist ein Sechstel der gesamten Waldfläche in diesem Bundesland, und weiterer Kahlschlag drohe.

Bäume leiden unter Klimawandel

Gerade der Fichtenbestand, der beim Holzverkauf lange die besten Erträge brachte, sei ernsthaft in Gefahr. Dabei sind die Erlöse dafür wegen des Überangebots auf dem Holzmarkt ohnehin drastisch gesunken – oft nicht einmal ein Zehntel des noch vor drei Jahren üblich Betrags werde heute für den Festmeter bezahlt, sagt von Roeder. Und wegen Corona hätten mehrere Container mit Fichtenholz in chinesischen Häfen festgelegen.

Aber auch Laubbäume wie die in Hessen verbreitete Buche leiden stark unter dem Klimawandel. Im Hessischen Ried rings um Rüsselsheim und Mörfelden lösten sich derzeit die Wälder regelrecht auf.