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Porträt Bernhard Bauer ist seit 50 Tagen als Sprecher des Projektvereins im Amt

„Stuttgart 21 ist mehr als nur ein Bahnhöfle“

Archivartikel

Stuttgart.Eigentlich wollte sich Bernhard Bauer 100 Tage Zeit nehmen, um sich über alle Untiefen beim Bahnprojekt Stuttgart 21 zu informieren. Doch die Erwartungen an den seit Ende Juli amtierenden Vorsitzenden des Projektvereins sind riesig. Deshalb geht der 68-Jährige schon nach der Hälfte der Zeit an die Öffentlichkeit. Der frühere Spitzenbeamte setzt auf ein besseres Miteinander der Beteiligten und will auf die Kritiker zugehen. „Die extremen Gegner wird man nicht kriegen, aber man muss mit ihnen sprechen“, sagt der langjährige Amtschef des Umweltministeriums.

Bauers Start fällt in eine schwierige Zeit. Gerade hat eine Bürgerumfrage der Stadt Stuttgart sinkenden Rückhalt für das Bahnprojekt offenbart. 16 Prozent der Befragten haben eine „schlechte Meinung“ und sogar 25 Prozent eine „sehr schlechte Meinung“, jeweils ein spürbarer Anstieg. Bauer erklärt sich das mit der Diskussion um weitere Kostensteigerungen auf 8,2 Milliarden Euro und mit der Belästigung durch die vielen Baustellen. „Die Zustimmung schwankt“, sagt er. Und es gebe Widersprüche. Dass der Rosensteinpark nach der Fertigstellung vergrößert werden soll, würden 70 Prozent der Befragten begrüßen.

Schon immer gilt der Vorsitz im „Verein Bahnprojekt Stuttgart-Ulm e.V.“ als große Herausforderung, weil man die Werbetrommel für ein extrem umstrittenes Vorhaben rühren muss. Bauers Vorgänger waren Haudegen wie der frühere SPD-Landtagsfraktionschef Wolfgang Drexler, der ehemalige VfB-Präsident Wolfgang Dietrich und zuletzt der langjährige Cheflobbyist der Bahn, Georg Brunnhuber.

Leicht verrückt

Der Neue sieht sich mehr als Mann des Ausgleichs. Vor der Beamtenkarriere war der gebürtige Neckarsulmer viele Jahre Handballtorwart. Wer sich den Bällen so ungeschützt entgegenstellt, gilt als leicht verrückt. Bauer lacht bei dieser Charakterisierung, gibt aber zu: „Der Torwart im Handball muss etwas anders sein. Er hat eine besondere Verantwortung für seine Mannschaft.“

Bauer sieht die Versäumnisse der Vergangenheit. „Es kommt zu wenig zum Tragen, welche Chance Stuttgart bekommt“, sagt er. Auf den frei werdenden Gleisflächen könne „mitten in der Stadt ein urbanes Zentrum mit weltweiter Ausstrahlung entstehen“. Stuttgart 21 sei ja „viel mehr als nur ein Bahnhöfle“.

Einmalige Chance

Tatsächlich werde der komplette Bahnknoten neu geordnet und der Nahverkehr verbessert. „Eine solche Chance gibt es sonst nirgends“, sagt er im Blick auf die 100 Hektar für die städtebauliche Erweiterung. Von Anfang an, als vor 25 Jahren der Grundsatzbeschluss fiel, sei er von dem Projekt überzeugt gewesen. „Das war ein weiser Entschluss.“

Wie Brunnhuber setzt Bauer auf die direkte Kommunikation. „Wir müssen über die Vorteile informieren“, betont er. Am Ersatz für das durch den Umbau des Bahnhofsgebäudes gerade geschlossene Besucherzentrum wird noch gebaut. 26 Meter hoch wird das dreistöckige Gebäude.

Eines der Probleme von Stuttgart 21 seien die vielen Tunnel und unterirdischen Baustellen: „Es braucht Zeit, bis es greifbar wird.“ Bauer ist zunächst für fünf Jahre gewählt, würde aber gerne das Projekt bis zur Fertigstellung begleiten. Die ist aktuell für 2025 kalkuliert: „Ich hoffe, dass ich die Inbetriebnahme als Vorsitzender erlebe.“

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