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Landtagswahl Wer 2021 für die Ökopartei antritt, bleibt unklar

Südwest-Grüne: Kretschmann einsame Spitze

Archivartikel

Stuttgart.Winfried Kretschmann muss seinem Pensum Tribut zollen. Zu Wochenbeginn, gerade zurück von einer anstrengenden zehntägigen USA- und Kanadareise, hat er sich krank gemeldet. „Erschöpfung nach der Reise“, heißt es im Staatsministerium. Es stimmt: Die Reise steckt auch Jüngeren als dem 70-jährigen Regierungschef noch Tage nach der Rückkehr in den Knochen. Und doch wird die Auszeit erneut die Diskussion beflügeln, der Kretschmann sich verweigert: Ob er bei der Landtagswahl 2021 wieder antreten will als grüner Spitzenkandidat. Und ob er es noch kann. Fast 73 Jahre alt wäre er dann. Kretschmann sagt stets, er habe sich noch nicht entschieden. Auch kürzlich wieder auf der USA-Reise, angesprochen von Kaliforniens Gouverneur Jerry Brown, der zehn Jahre älter ist als Kretschmann – und im Herbst aufhört.

Von dessen dynamischem Auftritt in Stuttgart im vergangenen Jahr war Kretschmann begeistert. Doch der Jerry Brown vom September 2018 bot ein anderes Bild: grau, spannungslos, müde – auch Kretschmann wird das nicht entgangen sein. Er selbst benutzt gern das Bild von der Waagschale, die sich noch in keine Richtung gesenkt habe. Und kokettiert in gebotener Demut mit seiner Beliebtheit. „Wenn 74 Prozent der Baden-Württemberger mit meiner Arbeit zufrieden sind, ja mei...“, kommentiert er lächelnd eine aktuelle Umfrage, die ihn auch zu Deutschlands beliebtestem Ministerpräsidenten kürt. An guten Tagen macht ihm das Spaß. An anderen Tagen quält ihn das Thema. Wer Kretschmann auf der Reise beobachten konnte, dem bietet sich ein differenziertes Bild. „Wie er das macht und durchsteht, allen Respekt“, sagt etwa Delegationsmitglied Willi Stächele (CDU), Ex-Finanzminister, drei Jahre jünger als Kretschmann und selbst mit berüchtigtem Sitzfleisch gesegnet. Auch zu später Stunde stellt sich Kretschmann da noch intensiven Diskussionen mit Wirtschaftsführern. Und als er nach dem Firmenbesuch beim Prozessor-Giganten Nvidia im Silicon Valley mit den Möglichkeiten der Künstlichen Intelligenz konfrontiert wird, platzt es hinterher aus ihm förmlich heraus: Wie zäh und langsam im Ländle alles vor sich geht, wie groß die Gefahr ist, dass der Standort Baden-Württemberg den Anschluss verliert, was man alles anstoßen müsste nach der Rückkehr bis hin zum Umbau der Landesverwaltung.

Es klingt, als ob er es als Pflicht empfindet, das eigenhändig auf den Weg zu bringen. Pflicht war für den Katholiken schon immer eine wichtige Kategorie. Dass bei den Grünen kein natürlicher Nachfolger in Sicht ist und die grüne Mehrheit an der Person Kretschmann hängt, dürfte schwer in der Waagschale für eine erneute Kandidatur liegen. Dann gibt es aber auch die anderen Auftritte, die Zweifel hinterlassen. Bei denen Kretschmann wirkt, als ob ihm alles zu viel ist.

Aufgabenteilung im Gespräch

Zudem ist die Spitze des Staatsministeriums, Kretschmanns Regierungszentrale, nach dem krankheitsbedingten Ausscheiden von Kretschmanns rechter Hand Hans-Peter Murawski seit Ende Juli vakant. Am kommenden Dienstag soll wohl eine Nachfolgeregelung bekannt gegeben werden, im Gespräch ist eine Aufgabenteilung zwischen Staatssekretärin Theresa Schopper, bereits jetzt für die politische Koordination im Staatsministerium zuständig, Staatssekretär Volker Ratzmann aus der Berliner Landesvertretung und Florian Stegmann, einem Ministerialen aus der Regierungszentrale.

Klar ist aber: Ein Vertrauter wie Murawski fehlt Kretschmann künftig. Und auch um Regierungssprecher Rudi Hoogvliet, strategischer grüner Kopf hinter Kretschmann, ranken sich Gerüchte. Privat weilt Hoogvliet häufig in Berlin. Dort weht bei den Bundes-Grünen frischer Wind. Ohne Murawski und Hoogvliet, heißt es bei den Grünen, würde es sehr einsam werden um Kretschmann im Staatsministerium.

Info: Fotostrecke unter morgenweb.de/politik

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