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Gesundheit Politiker und Mediziner streiten über verpflichtenden Schutz gegen Masern / Sozialminister Lucha unterstützt Spahn

Südwesten Schlusslicht bei Impfungen

Archivartikel

Stuttgart.Baden-Württemberg trägt beim Masern-Schutz die rote Laterne. „Wir dachten, wir haben die Infektionskrankheit im Griff – und wir haben sie nicht im Griff“, gibt Sozialminister Manfred Lucha zu. Für den Grünen-Politiker ist es „inakzeptabel“, dass der Südwesten bei der zweiten Masernimpfung im Ländervergleich Schlusslicht ist.

Bei der Einschulungsuntersuchung haben 89,1 Prozent der Kinder den vollen Schutz. Rheinland-Pfalz kommt mit 93,8 Prozent der für die Ausrottung der Krankheit angestrebten Zielmarke von 95 Prozent ziemlich nahe. Hessen erreicht immerhin noch 93,4 Prozent. Bei der ersten Impfung rangiert Baden-Württemberg im Mittelfeld. „Das Problem ist die zweite Impfung“, sagt ein Sprecher. Die werde vergessen, wegen Krankheit aufgeschoben oder einfach für nicht mehr so wichtig gehalten. Das sind allerdings Erklärungen, die für andere Länder ebenso gelten.

Zu den Besonderheiten im Südwesten haben auch Experten nur Vermutungen. Die Quote der harten Impfverweigerer wird mit etwa zwei Prozent angegeben. Dass es mehr sind, könnte auch mit einem überdurchschnittlichen Anteil von Eltern und Ärzten zu tun haben, die sich der Impfskepsis verbunden fühlen. Zahlen und Belege gibt es dafür nicht.

Auch Kinderärzte sind bei dem Thema gespalten. Eine Minderheit wehrt sich gegen den von Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) geplanten Zwang. „Wir werden das Recht der Eltern auf eine individuelle Entscheidung verteidigen und uns mit allen Mitteln gegen die geplanten Grundrechtseinschränkungen wehren“, sagt Michael Friedl. Der Heidelberger Kinderarzt ist Vorsitzender des Vereins „Ärzte für Individuelle Impfentscheidung e.V.“, die im Internet eine Petition gegen die Zwangslösung gestartet hat: Gestern hatten bereits 78 000 Menschen unterzeichnet.

Gespalten sind die Grünen, die im Bundestag gegen die Pflicht argumentieren, im Landtag aber dafür sind. „Wir brauchen verbindliche Regeln, um den notwendigen Impfschutz zu erreichen“, begründet Lucha. „Jens Spahn hat meine volle Unterstützung.“ Um die 95 Prozent erreichen zu können, seien Sanktionen notwendig. „Ohne Sanktionen ist ein Gebot ein zahnloser Tiger.“

So rigoros gibt sich nicht einmal Kultusministerin Susanne Eisenmann. Die CDU-Politikerin unterstützt die Impfpflicht. Allerdings zeigt sie sich bei den Sanktionen zurückhaltend. „Auch der Umgang mit Kindern ohne Impfschutz muss maßvoll und umsetzbar sein.“

Vorbild könnte Bayern sein. Dort war die Impfbereitschaft bis vor ein paar Jahren auch schwach ausgeprägt. Durch die konsequente Beratung durch eine Expertengruppe hat man dort eine Quote erreicht, die dem Durchschnitt der westlichen Bundesländer nahekommt.

Lucha hat auch eine Landesarbeitsgemeinschaft Impfen gegründet, in der Kinderärzte und andere Experten die Werbetrommel rühren. Luchas Sprecher hofft: „Wir bauen darauf, dass es hilft.“