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Soziales Gerade für psychisch angeschlagene Menschen ist die Corona-Zeit eine besondere Herausforderung

Therapiegespräch unter freiem Himmel

Archivartikel

Alsfeld/Lauterbach.Nach einer kurzen Begrüßung mit gebührendem Abstand geht es gleich los. Von den Räumen des Beratungszentrums Vogelsberg in Lauterbach ist es nicht weit bis zum Stadtrand. Viel Natur mit Feldern und Wald erwartet Annett Lockett und ihre Klienten. Das sind meist Menschen, die gegen eine Sucht ankämpfen. Thorsten (voller Name ist der Redaktion bekannt) ist einer von ihnen.

In der Suchtberatung und der Nachsorge sind persönliche Kontakte das A und O. Doch die waren in den vergangenen Wochen nicht möglich. Auch die Videotelefonie war keine rechte Alternative. „Man kann außer der Stimme immerhin die Mimik des Klienten wahrnehmen“, erklärt die Sozialpädagogin Lockett. „Dennoch kann man die Leute von Angesicht zu Angesicht besser einschätzen. So merke ich der Person an, wenn etwas nicht stimmt.“

Das Beratungszentrum Vogelsberg, vormals Jugend- und Drogenberatung - Suchthilfe im Vogelsberg, besteht seit 1982. Träger ist der Evangelische Kirchliche Zweckverband. Das Zentrum hat seinen Sitz in Alsfeld, Beratungsräume gibt es auch in der Kreisstadt Lauterbach.

Reden beim Spazieren gehen

Lockett und ihr Team, aber auch die Klienten haben während der Corona-Krise den persönlichen Kontakt vermisst. So kam die Idee mit dem „Walk and Talk“: Therapiegespräche beim Spazieren gehen führen. Thorsten war von der Idee gleich begeistert. Er kannte die Spaziergänge schon als Therapieform aus der Entzugsklinik und ist sowieso gerne in der Natur unterwegs. Der 50-Jährige ist für ein halbes Jahr in der Nachsorge im Beratungszentrum. Normalerweise heißt das: wöchentliche Treffen mit anderen, die auch von der Alkoholsucht wegkommen wollen.

Ihn stört keineswegs, dass die Treffen nun draußen mit nur einer Pädagogin stattfinden. „Ich finde es auch schön, die Natur zu erleben“, sagt er. „Man kommt hier leichter und lockerer ins Gespräch als im Büro.“ Für die Mitarbeiter im Beratungszentrum war es zu Beginn auch eine Umstellung. „Wir mussten eine gute Strecke für eine Therapiestunde finden. Und nicht zu viele Termine auf einen Tag legen.

„Am ersten Tag bin ich zehn Kilometer gelaufen“, erzählt Lockett lachend. Langsam kehrt für Thorsten zurück der Alltag zurück. In der Klinik waren die Strukturen vorgegeben. Jetzt fängt er wieder an, in seinem alten Beruf zu arbeiten und ist froh über die Fortschritte.

„Mein Job fordert mich immer wieder heraus, aber er macht mir auch Spaß“, schildert Lockett. „In den 19 Jahren im Beratungszentrum Vogelsberg habe ich schon vieles von den Klienten gehört und mit ihnen erlebt.

Man braucht auf jeden Fall Geduld und darf den Glauben an sie nicht verlieren. Dass sie es schaffen, ihre Probleme zu überwinden. Und Lockett ist stolz: „Keiner von den Klienten hat von einem Rückfall in der Corona-Krise berichtet.“ epd