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Katastrophenschutz Ministerium legt einheitliches Konzept zu Einsatztaktik vor / Praxis-Schulung bei Schweizer Spezialisten

Trainieren für den Tunnelbrand

Stuttgart.Es ist ein Alptraum-Szenario: Ein Zug brennt in einem Tunnel, bleibt liegen. Menschen, die versuchen, sich vor den Flammen zu retten, sterben im Rauchgas – so geschehen im November 2000, als bei einem Brand einer Gletscherbahn in einem Tunnel im österreichischen Kaprun 155 Menschen ums Leben kamen. Um mit vergleichbaren Szenarien umgehen zu können, haben die Feuerwehren in Baden-Württemberg jetzt für den Einsatz in Eisenbahntunneln eine landeseinheitliche Vorgabe bekommen.

„Zum Glück kommen Eisenbahntunnelbrände so gut wie nie vor, aber wir wollen auf alles vorbereitet sein“, sagt Christopher Haigis, Pressesprecher der Feuerwehr Stuttgart. Die Kapruner Bergbahn-Katastrophe war zwar kein Eisenbahn-Unfall im herkömmlichen Sinn, das Szenario ist aber durchaus vergleichbar. Eine dunkle Röhre, schlechte oder nicht vorhandene Belüftung, aufwendiger Zugang der Retter zum Brandherd, enorme Rauchgasentwicklung, Kamineffekte – alles Faktoren, die auch beim Brand eines Zuges in einem normalen Bahntunnel, zumal älterer Bauart, ohne Rettungsstollen oder zweite Röhre den Einsatz erschweren können.

Haigis, selbst aktiver Feuerwehrmann, gehört mit zu dem Arbeitskreis der Landesfeuerwehrschule, die das Handlungskonzept zum Einsatz in Eisenbahntunneln im Auftrag des Innenministeriums erarbeitet hat. Nach und nach werden jetzt bis zum Jahresende Feuerwehr-Führungskräfte aus ganz Baden-Württemberg in Theorie und Praxis nach diesem Konzept geschult. Die Führungskräfte sollen ihrerseits das Konzept zu den Feuerwehren in die Fläche bringen, vor allem zu den „Portal-Feuerwehren“, meist freiwillige Feuerwehren, die ein Tunnelportal auf ihrer Gemarkung haben. Denn im Gegensatz zu Straßentunneln – für die es seit 2014 bereits ein landeseinheitliches Konzept gibt – fehlte dieses bislang für die Eisenbahntunnel.

Vorbereitungen erleichtern

Landesweit gibt es, nicht zuletzt durch das Bahnprojekt Stuttgart 21 oder den Neubau der Rheintalbahnstrecke, zunehmend Schienentunnel. „Wir haben in Baden-Württemberg im bundesweiten Vergleich die meisten Straßen- und Eisenbahntunnel“, begründet daher auch Innenminister Thomas Strobl (CDU) die Spezialschulung der Feuerwehrkräfte. „Mit Mindeststandards und Grundzügen der Einsatztaktik erleichtern wir den Feuerwehren die Vorbereitung auf den unwahrscheinlichen, aber möglichen Einsatz in einem Eisenbahntunnel“, so Strobl weiter.

Weil in Baden-Württemberg eine Praxisübung an einem echten Tunnel kaum möglich ist und die Landesfeuerwehrschule nicht über einen entsprechenden Übungstunnel verfügt, passiert das am interkantonalen Feuerwehr-Ausbildungszentrum (ifa) im schweizerischen Balsthal (Kanton Solothurn). Die ifa ist auf Tunneleinsätze spezialisiert, Baden-Württemberg arbeitet seit Langem mit den Schweitzer Kollegen zusammen.

Einsätze unter der Erde können an der ifa unter realistischen Bedingungen simuliert werden. Noch in diesem Jahr werden sieben Lehrgänge für jeweils 15 Feuerwehr-Führungskräfte aus Baden-Württemberg stattfinden, der erste fand bereits Ende Juli statt.

„Ganz andere Voraussetzungen“

„Einsätze in Eisenbahntunneln haben ganz andere Voraussetzungen als in Straßentunneln“, erläutert der Stuttgarter Feuerwehrmann Haigis die spezielle Problematik. „Man kann nicht einfach mit Fahrzeugen hineinfahren wie in einen Straßentunnel, der Tunnel muss sofort gesperrt werden, Oberleitungen müssen abgeschaltet und geerdet werden“, so der Praktiker zu den Anforderungen. Selbst eine abgeschaltete Oberleitung könne noch Spannungen von rund 1000 Volt aufweisen – bei Beschädigungen der Leitungen im Tunnel eine enorme Gefahr.

Neben der Praxis gehören zu den theoretischen Grundzügen der Einsatztaktik etwa die enge Zusammenarbeit mit den Eisenbahnunternehmen, die Alarmierung von genügend Feuerwehreinsatzkräften und das Vorgehen mit verstärkten Trupps, so genannten Stoßtrupps – ein Konzept, wie es bereits in Straßentunneln verfolgt wird.

Der wichtigste Faktor zur Vermeidung einer Tunnelkatastrophe aber liegt ohnehin nicht in der Macht der Feuerwehr, sondern sitzt im Führerstand. „Jeder Lokführer weiß: Im Tunnel hält man nicht an. Schon gar nicht, wenn es brennt“, sagt Haigis. „Aber trainieren müssen wir den Fall trotzdem.“

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