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Bildung In Hessen werden an den meisten Gymnasien die neuen Jahrgänge erst nach neun Jahren ihre Abschlussprüfung schreiben

Turbo-Abi weniger nachgefragt

Wiesbaden.Nur wenige Gymnasien und Gesamtschulen in Hessen führen ihre neuen Schülerjahrgänge bereits nach acht Jahren (G8) zum Abitur. Im laufenden Schuljahr 2019/20 gibt es noch neun Schulen mit G8-Angebot für die neuen Fünftklässler. Das geht aus der Antwort von CDU-Kultusminister Alexander Lorz auf eine Kleine Anfrage der AfD-Landtagsfraktion hervor. An den allermeisten Gymnasien und Kooperativen Gesamtschulen – insgesamt 206 – werden die neuen Jahrgänge erst nach neun Jahren (G9) ihr Abi schreiben. Elf Schulen bieten beide Möglichkeiten parallel an.

Viele Jahrgänge auf dem Weg

Die Gesamtzahl der Schulen mit G8-Angebot sei allerdings höher, wie ein Ministeriumssprecher erläuterte. Das liege daran, dass höhere Schülerjahrgänge noch auf dem bereits eingeschlagenen Weg hin zum Turbo-Abitur sind. Die Einführung der verkürzten Gymnasialzeit G8 ab dem Jahr 2004 war umstritten. Seit dem Schuljahr 2013/2014 gibt es eine Wahlfreiheit – die Schulen können also selbst bestimmen, ob sie G8, G9 oder beides anbieten. Dies ermögliche Schulen, Konzeptionen „unter Berücksichtigung der regionalen Gegebenheiten zu entwickeln, um so für ihre Schülerinnen und Schüler passgenaue Lernangebote unterbreiten zu können“, erklärte Lorz. Bislang seien insgesamt 203 Schulen von G8 zu G9 zurückgekehrt. Der Minister verwies auf Studien, die die Varianten verglichen. Insgesamt zeige sich demnach, „dass es nur geringe Leistungsunterschiede“ zwischen G8- und G9-Schülern gebe. Auch die durchschnittlichen Abi-Noten unterschieden sich kaum. Die Auffassung, das Turbo-Abi lasse den Schülern nicht genug Zeit für den Reifeprozess und die Persönlichkeitsentwicklung, werde nicht bestätigt.

Die Bildungsgewerkschaft GEW ist „nach wie vor der Auffassung, dass G8 der falsche Wege war“, sagte die stellvertretende Landesvorsitzende Karola Stötzel. „Die Zahlen zeigen, dass wir mit der Einschätzung nicht falsch lagen.“ Diese spiegelten außerdem den Elternwillen wider. G8 stresse Jugendliche und nehme ihnen Entfaltungsmöglichkeiten in ihrer Freizeit.

Deutliche Worte kommen auch vom Landeselternbeirat und vom Verband Bildung und Erziehung (VBE) in Hessen: „Bildung braucht Zeit“, sagte der Vorsitzende des Landeselternbeirats, Korhan Ekinci, der Deutschen Presse-Agentur. „Deshalb sind wir dafür, dass in Hessen einheitlich zu G9 zurückgegangen wird.“ Es gehe bei der Forderung nicht nur um die fachliche Ebene, sondern auch die persönliche Entwicklung der Kinder und Jugendlichen. Ähnlich argumentiert auch der VBE, der sich für die Interessen von Lehrern, Erziehern, Lehramtsstudenten sowie Sozialpädagogen einsetzt. „G8 hätte aus unserer Sicht gar nicht eingeführt werden sollen“, sagte der Landesvorsitzender Stefan Wesselmann der Deutschen Presse-Agentur. Neben der zu geballten Vermittlung von Unterrichtsstoff beim Turbo-Abi gehe es auch um die Frage der Reife bei einem Abitur mit 17 Jahren.