Länder

Soziales Landesweite Aktionstage „Lesen und Schreiben“ mit prominenter Unterstützung gestartet

Turnstar Hambüchen hilft im Kampf gegen Analphabetismus

Archivartikel

Wiesbaden.Maria Brennecke strahlt. „Ich finde, das ist eine ganz tolle Aktion. Es macht mir einfach Spaß, meinen Kollegen helfen zu können“, sagt sie und erzählt von einem älteren Mitarbeiter, der seiner Enkelin nicht einmal ein Märchen vorlesen kann. „Er hat einen ganz normalen Schulabschluss und im Laufe der Jahre einfach das Lesen verlernt“, erklärt sie. Brennecke arbeitet bei den Entsorgungsbetrieben der Landeshauptstadt Wiesbaden (ELW) in der Personalabteilung und ist eine von drei Mentorinnen für Alphabetisierung und Grundbildung.

Gestern bekam Brennecke prominente Unterstützung im Kampf gegen Analphabetismus. Hessens Kultusminister Alexander Lorz (CDU) und der Olympiasieger im Kunstturnen, Fabian Hambüchen, gaben bei den ELW den Startschuss für die landesweiten Aktionstage „Lesen und Schreiben“.

Lorz bezeichnete es als das Wichtigste, Lese- und Rechtschreibschwächen zu enttabuisieren und die Scham zu überwinden. Viele Analphabeten würden versuchen, ihre Schwäche zu verdecken. Dies sei der Beginn eines Teufelskreises. „Als Erwachsener noch einmal lesen und schreiben zu lernen oder sich darin zu verbessern, ist keinesfalls selbstverständlich und erfordert viel Mut“, sagte der Kultusminister.

3,6 Millionen Euro zur Verfügung

Als Mutmacher ist daher Turnstar Fabian Hambüchen unterwegs und besucht die fünf hessischen Grundbildungszentren in Wiesbaden, Darmstadt, Frankfurt, Gießen und Kassel. Seit 2017 ist der in Wetzlar aufgewachsene Olympiasieger als hessischer Botschafter für Alphabetisierung im Einsatz.

Hambüchen, dessen Karriere selbst nicht frei von Rückschlägen war, will den Betroffenen Tipps geben, wie sie durchhalten. „Wenn jemand nicht lesen oder schreiben kann, dann heißt das nicht, dass er dumm ist“, stellte er klar und forderte Unternehmen auf, ihren Mitarbeitern zu helfen. Von besser ausgebildeten Mitarbeitern würden auch die Unternehmen profitieren. Damit rannte Hambüchen bei den ELW offene Türen ein. 15 Mitarbeiter haben bereits einen Kurs bei der Volkshochschule besucht oder sind derzeit dabei, ihre Schreib- und Lesekompetenz zu verbessern. Maria Brennecke fungiert dabei als Bindeglied zwischen den betroffenen Mitarbeitern, dem Wiesbadener Grundbildungszentrum und der Volkshochschule. Bei den ELW sind 120 Mitarbeiter in der Straßenreinigung, 160 bei der Müllabfuhr und 30 bis 40 weitere in anderen Einsätzen tätig. Sie können sich bei Bedarf an insgesamt drei Mentorinnen wenden, die ihnen bei einer Erstberatung Hilfe anbieten.

Sofern sich ein Mitarbeiter entschließt, lesen und schreiben zu lernen, stellen die Mentorinnen den Kontakt zur Volkshochschule und dem Grundbildungszentrum her. Die Kurse finden zwar außerhalb der Arbeitszeit statt, aber die ELW übernehmen für ihre Mitarbeiter sämtliche Aufwendungen, wie Geschäftsführer Joachim Wack ergänzte. Die Teilnehmer bleiben im Betrieb anonym. „Wir halten das so weit wie möglich geheim“, sagte Mentorin Brennecke. In den nächsten Wochen steigt auch die Wiesbadener Stadtverwaltung in das Projekt „Grundbildung am Arbeitsplatz“ ein, neun Mentoren sind bereits ausgebildet. In Deutschland leben derzeit rund 7,5 Millionen funktionale Analphabeten, haben also nicht die Kompetenz beim Schreiben, wie sie von der Gesellschaft als selbstverständlich empfunden wird.

In Hessen sind es etwa 500 000, wie eine Studie aus dem Jahr 2011 ergab. 3,6 Millionen Euro stellen sowohl das Land als auch der Europäische Sozialfonds für die Grundbildung bereit. Dieses Jahr steht die Alphabetisierungskampagne unter dem Motto „Mach dich stolz! Trainiere lesen und schreiben“.

Erfolge sprechen für sich

Im Wiesbadener Grundbildungszentrum nehmen derzeit etwa 80 Personen an den Kursen teil – in der Stadt gibt es allerdings 15 000 bis 20 000 funktionale Analphabeten. Noch ist Zeit, denn die Kampagne läuft bis 2020 und die Erfolge sprechen für sich. „Wir hatten einen Teilnehmer, der nach dem Kurs voller Stolz erstmals seiner Freundin eine SMS geschrieben hat“, berichtete Martin Noack, Ansprechpartner bei der Volkshochschule.