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Jubiläum Stadt am Bodensee feiert mit großem Programm ihr 1250-jähriges Bestehen – doch vielleicht ist 2020 gar nicht das richtige Jahr

Überlingen im Datumsdilemma

Überlingen.Ihren 1250. Geburtstag feiert die Stadt Überlingen derzeit ausgiebig: Auf dem Programm stehen unter anderem 30 Vorträge zu verschiedenen Themen, etwa zur Fastnacht, zum 30-jährigen Krieg und zu Hexenprozessen in der Bodensee-Kommune. Im städtischen Museum zeigt eine Sonderausstellung die reiche Geschichte Überlingens, zudem gibt es verschiedene Theaterproduktionen. Eigentlich also eine runde Sache – wenn nur dieser eine Haken nicht wäre: 2020 ist vermutlich gar nicht das richtige Jahr für das Jubiläum.

Hintergrund des Datum-Dilemmas ist eine Urkunde, in der ein weitgehend unbekannter Graf Rotbert seinen Besitz an das Kloster im schweizerischen St. Gallen überträgt. Der Ausstellungsort des Dokuments ist Überlingen, doch die Datierung ist etwas ungenau: „Im zweiten Jahr der Herrschaft Karls als König der Franken, am fünften Tag vor den Iden des Augusts“, heißt es dort. Die aktuelle Forschung nehme inzwischen mehrheitlich an, dass sich die Urkunde auf das Jahr 771 bezieht und somit 773 ausgestellt wurde, sagt der Leiter der Abteilung Kultur in Überlingen, Michael Brunner. Manche Experten zögen aber auch die Jahre 769, 770 und 772 in Betracht.

„Stadt- und Dorfjubiläen sind ein zweischneidiges Schwert“, sagt der Leiter des Stadtarchivs Konstanz, Harald Klöckler. Zum einen sei das Datum oft gar nicht die eigentliche Gründung des Ortes, sondern die erste urkundliche Erwähnung – die Orte seien daher in der Regel viel älter. Zudem sei es in der Vergangenheit auch vorgekommen, dass sich urkundliche Erstüberlieferungen als mittelalterliche Fälschungen herausgestellt hätten. „Und flugs war das Jubiläumsdatum nicht mehr zu halten“, sagt Klöckler. „Oder es ist bei Ortsnamen gar nicht klar, welcher Ort genau gemeint ist“. So könnten etwa Güttingen im Hegau oder Güttingen im Thurgau leicht verwechselt werden. „Hier gibt es in der Tat viele Fallstricke.“

Feier laut Stadt ein Fake

Die Jubiläumsfeier im Jahr 2020 sei so gesehen ein „Fake“, heißt es bei der Stadt Überlingen mit einem Augenzwinkern. Eine böswillige Erfindung sei sie dagegen nicht: Die langfristigen Planungen der Stadt – zu denen auch die inzwischen coronabedingt auf das kommende Jahr verschobene Landesgartenschau gehörte – seien von der historischen Forschung schlicht überholt worden. Aber Hand aufs Herz: Hat sich Oberbürgermeister Jan Zeitler denn angesichts der Corona-Entwicklung in den letzten Monaten nicht gewünscht, die Stadt hätte sich doch für 2023 entschieden? „Nein“, sagt der SPD-Politiker. „Es gab zwar schon Augenblicke, in denen man da saß und dachte: „Oh, damit konnte keiner rechnen.“ Aber damit muss man umgehen.“ Die Stadt habe schnell und pragmatisch versucht, das Beste aus der Situation zu machen. Die Lösung der Kommune: „Das Jubiläum wird bis zum Jahr 2023 erweitert“, sagt Zeitler. „Wir feiern das längste Fest, das je in Überlingen gefeiert wurde.“

Inhaltlich macht das durchaus Sinn: Im kommenden Jahr findet dann auch die eigentlich für diesen Sommer geplante Landesgartenschau statt, 2022 feiert Überlingen 150 Jahre Städtische Sammlung. „Das Finale des Stadtjubiläums wird dann 2023 die Veröffentlichung der umfangreichen Stadtchronik sein“, sagt Zeitler.

Wichtig für die Identität

Aber wie wichtig sind solche historischen Jubiläen für eine Stadt? Zum einen hätten sie natürlich einen Marketing-Effekt, sagt Zeitler. „Aber Jubiläen sind auch wichtig für das Selbstverständnis einer Stadt.“

Ähnlich argumentiert der Schweizer Historiker Mario Andreotti, der sich in einem Essay mit der Bedeutung solcher Feiern auch für Staaten befasst hat. Es gehe darum, sich darauf zu besinnen, „wie wir wurden, was wir sind“, schreibt der Autor in seinem Buch „Eine Kultur schafft sich ab“, das 2019 erschienen ist.

„So wie eine staatliche Gemeinschaft Mythen braucht, bedarf sie auch der Jubiläen. Das Erinnern an historische Wegmarken ist eines ihrer Mittel, sich ihrer Identität zu vergewissern.“ lsw

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