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Parteien 40 Jahre Südwest-Grüne – vom Sammelbecken zur festen politischen Kraft / Alt-Vorstand Hasenclever sieht sich bestätigt

„Unser Ansatz war der richtige“

Archivartikel

Stuttgart.Als Winfried Kretschmann am Samstag vor einer Woche von der Bühne aus in die Sindelfinger Stadthalle schaut, vor sich rund 300 Gäste und Delegierte des grünen Landesparteitags, sieht er in viele junge Gesichter. Kretschmann, 71 Jahre alt, kommt als Ministerpräsident von Baden-Württemberg. Es ist fast auf den Tag genau 40 Jahre her, als dieser Weg seinen Anfang nahm. Auch am 30. September 1979 war Kretschmann in Sindelfingen, als hier mit rund 700 Gründungsmitgliedern der erste grüne Landesverband Deutschlands ins Leben gerufen wurde.

„Wer von euch war damals auch schon dabei?“, fragt Kretschmann. Es gehen wenige Hände hoch, eine hinten im Menschengewimmel, drei ganz vorn in der ersten Reihe: die Hände von Fritz Kuhn, 64, Stuttgarter Oberbürgermeister; Winfried Hermann, 67, baden-württembergischer Verkehrsminister, daneben Wolfgang Kaiser, 70, Schatzmeister und Landesvorstandsmitglied der Grünen. „Ich bin stolz auf das Erreichte, wir sind als Partei verankert, auch in der Kommunalpolitik“, sagt Kaiser. „Vor 40 Jahren war weder im Land noch im Bund davon auszugehen, dass sich dieser heterogene grüne Haufen etablieren und ein Macht- und Einflussfaktor werden könnte.“

Die größten Gegner waren sich die Grünen in den ersten Jahren der Parteifindung ohnehin selbst. Davon kann Siegfried Lehmann ein Lied singen, 1979 in Sindelfingen dabei und später von 2006 bis 2016 für den Wahlkreis Konstanz im Landtag. „Wir waren ein riesiges Sammelbecken, das waren sehr schmerzhafte Prozesse“, sagt Lehmann.

Umwelt als „große Klammer“

„Wir sind den Weg gegangen, weil wir über die außerparlamentarische Opposition nichts mehr erreichen konnten. Das Aufeinanderprallen etwa von Radikalfeministinnen, die ja doch noch ganz anders drauf waren als die heutigen Feministinnen, radikal politisierten Linken aus den Städten mit Ökobauern aus dem ländlichen Raum, die sonntags in die Kirche gegangen sind, und Anthroposophen aus der bürgerlichen Ecke war brutal“, sagt Lehmann. „Aber die große Klammer, die alle zusammengehalten hat, waren der Bericht des Club of Rome zur Lage der Menschheit und den Grenzen des Wachstums von 1972 und das Buch ‘Der Planet wird geplündert’ von Herbert Gruhl. Davon waren alle elektrisiert“, sagt Lehmann.

Die prägende Persönlichkeit der grünen Anfänge im Südwesten war Wolf-Dieter Hasenclever, erster Landesvorsitzender und im Januar 1980 in Karlsruhe ebenfalls Mitbegründer der grünen Bundespartei. Er wurde Vorsitzender der sechsköpfigen Grünen-Fraktion, darunter auch Winfried Kretschmann, die gut ein halbes Jahr nach Parteigründung 1980 in den baden-württembergischen Landtag einzog. Hasenclever, 73, lebt mittlerweile in Berlin, ist parteilos und lehrt seit 2011 als Professor für Wirtschaftsethik, Entrepreneurship und Nachhaltigkeit in Schwerin. Am Telefon vom Griechenlandurlaub aus empfindet er durchaus Vergnügen am Erfolg der Partei: „Das zeigt, dass unser Ansatz damals der richtige war.“

Hasenclever erzählt von nächtelangen Diskussionen und harten Auseinandersetzungen der Anfangstage um die Satzung. Auch im Landtag hatten die ersten Grünen es schwer: Die Landtagsverwaltung verweigerte ihnen Büros. „Die hielten uns für Revoluzzer“, erzählt Hasenclever. Erst die Androhung, im Landtagsfoyer zu zelten, zeigte Wirkung. CDU-Ministerpräsident Lothar Späth sei dagegen „sehr neugierig“ gewesen. Dennoch wettete Späth ein Ministerpräsidentengehalt darauf, dass die Grünen 1984 wieder aus dem Landtag fliegen würden. Das Ergebnis ist bekannt: Späth verlor – die Grünen wurden seitdem in jeden Landtag gewählt. „Das war nicht sehr clever vom Cleverle“, sagt Winfried Kretschmann knapp 40 Jahre später vor dem Parteitag in Sindelfingen. Im Jahr 2019, davon kann man ausgehen, würde der baden-württembergische Ministerpräsident auf die Grünen wetten.

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