Länder

Interview Martin Müller, Geschäftsführer des Betriebs Müller Fleisch, kritisiert Verordnung des Landes

„Verordnung geht deutlich über das Ziel hinaus“

Archivartikel

Birkenfeld.Beim Großschlachtbetrieb Müller Fleisch in Birkenfeld bei Pforzheim waren Hunderte Mitarbeiter, meist osteuropäische Leiharbeitskräfte, mit dem Coronavirus infiziert. Im Interview spricht Geschäftsführer Martin Müller über das Virus, die Kritik an der Fleischbranche und die Frage, wie sich die Ethik eines Familienunternehmens mit einem Schlachtbetrieb vereinbaren lässt.

Herr Müller, Ihr Unternehmen stellt sich selbst als Familienbetrieb dar. Inwieweit kann man dieser Ethik wie einer besonderen Verantwortung für Mitarbeiter und Produkt als Großschlachtbetrieb eigentlich gerecht werden?

Martin Müller: Das kann man sehr gut. Für meinen Bruder und mich in der Geschäftsführung ist das Tier keine Massenware und die Frage, wo und wie es erzeugt wird, ein wichtiger Faktor. Wir haben mit Landwirten und Erzeugerorganisationen viel Kontakt und sind nicht abgehoben, weil wir eine gewisse Größenordnung haben. Wir haben klar definierte Prozesse, die dokumentiert werden, wir haben eine wahre Auditflut, es wird Tag und Nacht unangemeldet im Unternehmen kontrolliert. Da kann man nicht nur so tun, als ob, sondern diese Werte sind bei uns gelebt. Ja, wir haben Ungarn und Rumänen als Arbeiter, aber nicht, weil wir sie schlecht behandeln können. Sondern weil wir bei uns der Region kaum Mitarbeiter finden. Auch, wenn man sich verbal nicht immer so gut verständigen kann, gibt es eine partnerschaftliche Zusammenarbeit.

Ihr Unternehmen war am Standort Birkenfeld massiv von einem Corona-Ausbruch unter den Mitarbeitern betroffen. Was hat sich verändert seit Corona?

Müller: Wir haben ein Eingangsscreening für alle Mitarbeiter, es gelten Abstandsregeln, es wird Mund- und Nasenschutz getragen und wir haben zusätzliche Trennungen vorgenommen. Vorher war es gutes Verhalten, wenn der Chef mit Handschlag durch den Betrieb ging, aber dadurch, dass jetzt alles auf Abstand stattfindet, gibt es schon eine gewisse Abkühlung. In der Arbeitsorganisation spielte es bislang keine Rolle, ab der Mensch einen Meter oder 1,50 Meter vom anderen entfernt stand. Wenn wir Corona vielleicht über viele Jahre haben, muss man auch in der Technik etwas ändern und langfristig Abläufe anders gestalten. Das wäre mit Investitionen und Kosten verbunden. Auch Maschinenhersteller werden reagieren müssen.

Baden-Württemberg hat gerade eine neue Verordnung für größere Schlacht- und Zerlegebetriebe erlassen: Zweimal wöchentlich Reihentests unter den Mitarbeitern, die Kosten sollen die Unternehmen tragen. Wie bewerten Sie das?

Müller: Die Verordnung, die jetzt vom Sozialministerium gekommen ist, ist unserer Ansicht nach deutlich über das Ziel hinausgeschossen und sehr stark an das angelehnt, was in Nordrhein-Westfalen mit dem großen Infektionsgeschehen bei Tönnies erlassen wurde. Wir haben hier praktisch kein Infektionsgeschehen mehr in den Schlachthöfen, aber die gleiche Verordnung. Ich sehe das definitiv als überzogen und für einen längeren Zeitpunkt auch nicht als praktikabel an.

Die Branche selbst steht nicht erst seit Corona in der Kritik, sieht aber keinen Systemfehler, sondern spricht von einzelnen schwarzen Schafen. Wie sehen Sie das?

Müller: Da muss man wirklich differenzieren. Wir haben für Transporte und Fleischgewinnung geltende Gesetze. Denen widersetzt sich niemand. Aber durch Corona wird das Brennglas draufgehalten. Gegen Verstöße soll vorgegangen werden, aber es darf nicht die ganze Branche am Pranger stehen. Nicht alles ist illegal und schlecht. In den letzten Jahren haben einige Gesetze zur Verbesserung der Arbeitsverhältnisse geführt.

Die Fleischbranche hat sich einen Verhaltenskodex gegeben, in dem es auch um Wohnraum geht, der Mindestlohn wurde auch für Werkvertragsarbeitnehmer eingeführt. . .aber gegen massiven Widerstand nicht nur aus Ihrer Branche. Jetzt brüstet man sich damit, aber das geschah ja wohl nicht aus Einsicht.

Müller: Das stimmt so nicht. Wir haben das vor einigen Jahren schon mitgetragen, und der Mindestlohn hat bewirkt, dass es den Leuten dadurch ein Stück weit gut geht. Insgesamt hat sich die Branche da nicht weggeduckt.

Welche Verantwortung tragen jeweils Verbraucher, Betriebe und Politik für das System?

Müller: Es ist ein Zusammenspiel von allem. Man kann nicht sagen: Nur der Endverbraucher ist schuld, weil er nach dem falschen Päckchen greift, oder die Politik ist schuld, weil sie die falschen Gesetze erlässt. Der deutsche Endverbraucher ist sicherlich preisorientiert geprägt. Wenn er Fleisch zum Aktionspreis bekommt, kauft er das ein. Er hat zwar über die Kennzeichnung der Haltungsstufen mehr Möglichkeiten, mitzuentscheiden, ist aber letztendlich natürlich davon abhängig, was er angeboten bekommt. Deutschland ist der Schlachthof Europas, Schlachttiere werden durch halb Europa hergefahren, viele Produkte gehen in den Export.

Welche Marktmacht hat der Verbraucher, wenn die Cash Cow der Export ist?

Müller: Ganz so ist es nicht. Wir haben eine Rinderproduktion etwas unterhalb des Verbrauchs, und eine Schweineproduktion, die etwa 15 oder 20 Prozent darüber liegt. Produkte wie Schweinebauch oder Nebenprodukte haben im Export eine andere Wertigkeit. Aber nur dafür werden keine Schweine geschlachtet, sondern es sind Teile, die zur Wertschöpfung beitragen und die der Schlachthof auch an seine Erzeuger weitergeben kann. Natürlich profitiert man von Exporten, weil man mehr aus dem Schwein machen kann. Diese Chance nicht wahrzunehmen, wäre ein Wettbewerbsnachteil. Dennoch hat der Verbraucher eine Marktmacht, es wurde vieles angeschoben. Aber das geht nicht von jetzt auf nachher, sondern ist sehr komplex. Es braucht Umbauten in der Landwirtschaft, es reicht nicht, wenn der Verbraucher sagt: Ich bin bereit, mehr Geld zu zahlen, also schaut mal, dass es herkommt.

Man hat dennoch den Eindruck, dass es erhebliche Widerstände gegen mehr Tempo gibt, etwa beim jahrzehntelangen Gezerre um den Platz für Muttersauen.

Müller: Das Thema Sauenhaltung ist vielleicht etwas speziell. Aber in der Schweinemast und im Hähnchenbereich hat man innerhalb von kürzester Zeit die Haltungsstufe 2 erreicht. Es ist nicht so, dass sich nichts tut. Aber nicht in allen Bereichen ist alles sofort umsetzbar.

Was machen Demonstrationen vor Ihren Werkstoren mit Ihnen?

Müller: Was sollen denn Vegetarier und Tierschützer anderes machen, als gegen uns zu schimpfen? Jeder hat seine eigenen Werte. Wir sind davon überzeugt, dass wir einen fairen und guten Job machen.

Gibt es in Ihrer Familie Vegetarier?

Müller: Nein. Die essen wirklich alle gerne Fleisch, auch meine kleinen Kinder, denen das Tierthema wichtig ist. Im Betrieb gibt es einige Vegetarier, weniger in der Produktion, mehr in der Verwaltung. Das spielt aber für uns keine Rolle, es ist schließlich jedem selbst überlassen, wie er sich ernährt.

Zum Thema