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Gesundheit Rund 170 000 Klinikaufenthalte weniger als erwartet / Dringende Eingriffe trotz Corona fortgeführt

Viele Behandlungen verschoben

Archivartikel

Stuttgart.In den vergangenen drei Monaten befanden sich die Krankenhäuser in Baden-Württemberg in einer Ausnahmesituation. Wegen der Corona-Pandemie wurde die Zahl der Intensivbetten mit Beatmungskapazitäten drastisch erhöht. Um auf einen Ansturm von schwer kranken Covid-19-Patienten vorbereitet zu sein, hatten die Krankenhäuser ab 16. März planbare Eingriffe, soweit medizinisch vertretbar, abgesagt oder verschoben. Die große Welle an Corona-Patienten blieb aus und viele Patienten mieden zeitgleich zudem Krankenhäuser.

„Die Bürger haben sich offenbar vor möglichen Ansteckungen in medizinischen Einrichtungen gefürchtet, vor allem auch weil zunächst ein Mangel an Schutzmaterialien herrschte“, erklärt Wolfgang Miller, Präsident der Landesärztekammer Baden-Württemberg. Allerdings seien schnell Vorkehrungen getroffen worden, um Corona-Patienten von anderen Patienten zu trennen und damit die Ansteckungsgefahr zu minimieren, sagt Miller.

„Manche Patienten blieben den medizinischen Einrichtungen auch fern, weil sie das medizinische Personal in dieser schwierigen Phase nicht mit vermeintlichen Bagatellerkrankungen belasten wollten“, so Miller weiter.

Die Baden-Württembergische Krankenhausgesellschaft (BWKG) hat die Südwest-Krankenhäuser befragt, wie sich die Zahl der Behandlungen in der Corona-Zeit entwickelt hat. „Auf der Basis der Rückmeldungen der Krankenhäuser haben wir hochgerechnet, dass coronabedingt im Zeitraum von Mitte März bis Mitte Juni 2020 im Land rund 170 000 Krankenhausbehandlungen weniger als erwartet durchgeführt wurden“, sagt Hauptgeschäftsführer Matthias Einwag. Laut einer BWKG-Sprecherin habe es in baden-württembergischen Krankenhäusern in der Vergangenheit monatlich im Schnitt rund 200 000 Behandlungen gegeben. In den drei Corona-Monaten nahm die Zahl also um mehr als 28 Prozent ab.

Weniger Arthrose-Patienten

Mit rund 4,5 Millionen sind die meisten Menschen im Südwesten bei der AOK Baden-Württemberg krankenversichert. Bei ihren Versicherten sei nach einer vorläufigen Hochrechnung die Zahl der Krankenhausaufenthalte von Januar bis Mai 2020 im Vergleich zum Vorjahr um 19,4 Prozent zurückgegangen, so ein Sprecher. Bei den Arthrose-Patienten hat die AOK Baden-Württemberg in diesem Zeitraum rund 30 Prozent weniger Fälle abgerechnet, bei Diabetes-Patienten waren es mehr als 20 Prozent weniger. Auch die Zahl der Krankenhausaufenthalte von Versicherten mit Herzkrankheiten ging von Januar bis Mai 2020 im Vergleich zum Vorjahr um knapp 20 Prozent zurück. Tendenziell sei bei Krebs und anderen akuten Erkrankungen der Rückgang jedoch nicht ganz so stark ausgeprägt gewesen wie zum Beispiel bei Eingriffen wegen Knie- oder Hüftarthrosen, erklärt der Sprecher.

Johannes Bauernfeind, Vorstandsvorsitzender der AOK Baden-Württemberg, spricht von einem bislang besonnenen Umgang der Kliniken im Südwesten in der Corona-Krise. Dringliche Behandlungen würden weitgehend fortgeführt, aufschiebbare zurückgestellt.

Appell an Kranke

„Rückgängige Fallzahlen können aber auch bedeuten, dass manche von körperlichen oder psychischen Beschwerden betroffene Menschen wichtige Entscheidungen aufgeschoben haben“, so Bauernfeind. Vor diesem Hintergrund appelliere er dringend, bei akuten Erkrankungen oder starken Schmerzen zum Arzt zu gehen oder bei schwerwiegenden gesundheitlichen Problemen die Notaufnahme aufzusuchen. „Mit einer schweren Erkrankung zu Hause zu bleiben und nicht zum Arzt oder in ein Krankenhaus zu gehen, wäre falsch und sogar gefährlich“, sagt Bauernfeind.

SPD-Sozialexperte Rainer Hinderer fordert Sozialminister Manne Lucha (Grüne) dazu auf, die Menschen weiter zu sensibilisieren. „Er sollte noch mal deutlich dazu aufrufen, dringende Behandlungen nicht aufzuschieben und in die Krankenhäuser zu kommen“, sagt Hinderer.

Laut dem Stuttgarter Sozialministerium gibt es aktuell in Baden-Württemberg 2675 Intensivbetten mit Beatmungskapazität, 1258 dieser Betten sind im Moment nicht belegt.

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