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Ausstellung Haus der Geschichte in Stuttgart zeichnet Claus Schenk Graf von Stauffenbergs Leben nach / Unterschiedliche Bewertungen

Vom Verräter zum Helden

Archivartikel

Stuttgart.Auch 75 Jahre nach dem Scheitern seines Umsturzversuchs polarisiert Hitler-Attentäter Claus Schenk Graf von Stauffenberg (Bild). Historiker streiten bis heute über seine Motive, mancher Rechtsradikale nimmt die Tat sogar als Legitimation für eigene Träume vom Umsturz. „Die Stauffenberg-Erinnerung ist kontrovers und emotional“, sagt Paula Lutum-Lenger, Direktorin des Hauses der Geschichte in Stuttgart. In einer Sonderausstellung zeichnet das Museum nach, wie Stauffenberg aufwuchs, wie er sich vom regimetreuen Offizier zum Hitlerattentäter wandelte und wie unterschiedlich die Tat bis heute bewertet wird.

Stauffenberg hatte am 20. Juli 1944 den Sprengsatz gezündet, der Adolf Hitler töten sollte. Doch der überlebt nahezu unverletzt, Stauffenberg und Mitverschwörer werden noch am gleichen Tag hingerichtet. Diese dramatischen 20 Stunden sind das Herzstück der Ausstellung. Kurator Christopher Dowe weist darauf hin, wie die Ausführungsbefehle der Verschwörer zum Beispiel in Stuttgart ankamen: „Da zeigt sich eines der Probleme: Man ließ sie liegen und ging in den Feierabend.“ Am anderen Morgen hatte das Regime schon wieder alles unter Kontrolle.

Cello und Ehrensäbel

Die Schau beleuchtet nicht nur die Rolle Stauffenbergs, der Kindheit und Jugend in Stuttgart verbracht hatte, am Umsturz. Dowe will auch die Person deutlich machen. Der Familie verdankt das Museum zwei spektakuläre Stücke: das Cello, mit dem Stauffenberg in der Kaserne musizierte, und den Ehrensäbel, den er als bester Kavallerist seines Jahrgangs bekam. Dazu kennt Dowe eine spannende Geschichte. Der Säbel war 1944 verschwunden und tauchte erst Ende des 20. Jahrhunderts aus dem Besitz des damaligen DKP-Vorsitzenden Herbert Mies (Mannheim) wieder auf. Vermutlich habe ein Besatzungssoldat die Waffe mit in die Sowjetunion genommen.

Belegt mit Dokumenten zeichnet die Ausstellung nach, wie sich die Wertung des Widerstandes im Lauf der Jahrzehnte verändert hat. Lange habe die NS-Propaganda nachgewirkt, der 20. Juli sei Verrat am eigenen Volk gewesen. Erst in den 60er Jahren des vergangenen Jahrhunderts sei Stauffenbergs Heldenrolle im Widerstand gewürdigt worden, nach dem Kalten Krieg sorgen erfolgreiche Spielfilme für seinen späten Weltruhm.

Seit etwa zehn Jahren gibt es neue Kontroversen um die Stauffenberg-Deutung. Rechtspopulisten versuchen, mit dem Attentat vom 20. Juli eigene Umsturzpläne gegen die Bundesregierung zu begründen. „Walküre 2.0“ nennen sie das und drucken den Slogan auf T-Shirts. Dowe weist darauf hin, dass es unter Rechten unverändert auch die Sichtweise gibt, dass Stauffenberg ein Vaterlandsverräter sei.

Ein zentraler Bestandteil der Ausstellung wird erst entstehen, wenn Schüler aus Stuttgart und Polen den Ort des Attentats in einer Baracke des einstigen Führerhauptquartiers Wolfsschanze besuchen und die Tat gemeinsam aufarbeiten. Der geplante Film soll in der Ausstellung gezeigt werden. Zwischenzeitlich konnten Besucher der Anlage im heutigen Polen dort sogar Schießübungen machen. Dowe: „Für eine Gedenkstätte sind das befremdliche Züge.“ Bild: dpa