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Freizeit Hobbyfotografen finden auf verwilderten Flugplätzen oder in baufälligen Fabriken außergewöhnliche Motive / Es gibt aber auch Risiken

Von der Faszination verlassener Orte

Frankfurt.Der Putz bröckelt ab, in den Ecken wölbt sich der Staub, dazu kaputte Fenster. An den Wänden sammelt sich Moos – oder prangt das ein oder andere Graffiti. Bilder von Lost Places erinnern an Gruselfilme oder Mystery-Serien. Kein Wunder, dass sie eine Faszination ausüben. Auch in Hessen erkunden sogenannte Urbexer verfallene Häuser oder Industrie-Ruinen.

„Die Faszination ist das Entdecken, hinzu kommt der Reiz des Verbotenen. Das hat etwas Abenteuerliches und nebenbei kann man wunderbare Fotos machen“, sagt Jörg Udo Kuberek, IT-Spezialist aus Frankfurt. „Das Spannende ist, dass man nie genau weiß, was man findet“, ergänzt Jörg Rudolph, Sozialarbeiter aus Wiesbaden.

So könnten in einstigen Büros noch alte Unterlagen liegen. Und einmal sei er in einer ehemaligen Werkstatt gewesen, in der ein Kalender womöglich den letzten Arbeitstag vor etlichen Jahren dokumentierte. Besonders beeindruckend sei auch, wenn sich die Natur allmählich ihren Platz zurückerobere.

Ob das alte Linde-Werksgelände in Mainz-Kostheim, das frühere Frankfurter Polizeipräsidium oder das ehemalige Gelände der US-Army in Frankfurt-Rödelheim: Die beiden 51-Jährigen haben schon die unterschiedlichsten Lost Places erkundet. Viele sind inzwischen abgerissen. Vor drei Jahren präsentierten sie Bilder in der Ausstellung „Verlassene Orte – Lost Places in Rhein-Main“ in der Frankfurter Naxos-Halle.

„Das hat etwas Exklusives“

Adressen werden in der Szene ungern weitergegeben, „Das fördert nur den Vandalismus. Dann kommen Metalldiebe oder Jugendliche, die dort Partys feiern wollen“, sagt Rudolph, „dadurch verlieren die Orte schnell ihren Charme“. Im Rhein-Main-Gebiet finden sich ihrer Erfahrung nach eher wenige Lost Places – etwa im Vergleich zu Ostdeutschland. „Mit dem Immobilienboom der letzten Jahre gibt es hier kaum mehr längerfristigen Leerstand.“

Wer im Internet sucht, stößt auf Listen und Fotos von einstigen oder noch aktuellen Lost Places in Hessen. Da ist die eingestürzte Jagdvilla, die Fritz Opel 1912 im Taunus erbauen ließ, da ist eine ehemalige Arztpraxis in Nordhessen oder der alte Flugplatz in Eschborn. Bilder werden auf sozialen Netzwerken wie Facebook oder Instagram gepostet. Auf Plattformen wie Youtube gehen entsprechende Videos viral.

Es gehe darum, Orte zu entdecken, die authentisch sind und die noch nicht vom Mainstream eingenommen wurden, sagte die Frankfurter Städtebauprofessorin Maren Harnack. „Durch die sozialen Medien wird ein größeres Publikum erreicht, dem man die Fotos präsentieren kann. Aber es ist kein reines Social-Media-Phänomen.“ Vielmehr stehe das eigene Erleben, das Entdecken im Vordergrund. „Das hat etwas Exklusives“, meint Harnack. „Es gibt nicht mehr so viele Orte, die man erforschen kann.“ Zudem seien Lost Places oft schwer zugänglich.

Bei manchen „Urbexern“ stünden die Fotos im Vordergrund, bei anderen das Interesse an dem Ort und seiner Geschichte, sagt Kuberek. Sie alle eine aber der Respekt vor den Lost Places. „Inzwischen gibt es aber auch immer mehr Jugendliche, die für Instagram das schnelle attraktive Foto suchen und die sich nicht unbedingt an die Regeln halten.“

Ärger wegen Hausfriedensbruch

Und wie sehen diese Regeln aus? „Nur die Fußspuren hinterlassen“, lautet eine. So geht es darum, nichts zu klauen oder zu zerstören und alles an seinem Platz zu lassen. Auch soll man sich nicht gewaltsam Zugang zu dem Gebäude oder auf das Gelände verschaffen, wie Rudolph erklärt. Dennoch bestehe das Risiko, Ärger wegen Hausfriedensbruch zu bekommen. Zudem sei die Gefahr der womöglich einsturzgefährdeten Bauten nicht zu unterschätzen. Deshalb solle man nie alleine kommen und am besten stets ein Mobiltelefon dabei haben.

Denn die Polizei meldet immer mal Unfälle auf verlassenen Geländen: Im Juni stürzte ein 18-Jähriger in einem alten Gutshof im unterfränkischen Landkreis Kitzingen durch eine marode Betondecke circa drei Meter in die Tiefe und verletzte sich schwer.

Im Juli ereignete sich ein tödlicher Unfall in einer Industrie-Ruine in Bochum. Und vor drei Jahren musste in Leipzig ein damals 30-Jähriger knapp zwölf Stunden schwer verletzt und bei Minusgraden in einem Schacht ausharren, weil er ein Loch in einer seit über zwanzig Jahren leerstehenden Bowlinghalle übersah.

„Das Phänomen Urbexer und Lost Places ist uns bekannt“, heißt es auch bei der Frankfurter Polizei. Bisher habe es aber keine Beschwerden von Anwohner oder Eigentümern gegeben. Und auch Unfälle seien derzeit nicht bekannt. lhe