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Kalmenhof Wohnbebauung in Idstein gescheitert / Verscharrte Kinderleichen aus NS-Zeit gefunden

Von wegen „tolles Gebäude“

Idstein.Das Gelände des Kalmenhofs in Idstein (Rheingau-Taunus-Kreis) war bereits auf einem Immobilienportal inseriert. Für mehr als eine Million Euro wurde ein „tolles Gebäude aus den 1920er Jahren mit 8000 Quadratmeter großem Grundstück und tollem Blick auf Idstein“ angepriesen. Doch der geplante Verkauf zur Wohnbebauung ist inzwischen vom Tisch. Dass der seit zwölf Jahren leerstehende ehemalige Krankenhausbau in der NS-Zeit für Euthanasie und Tötung behinderter Kinder diente, war zwar vorher schon bekannt. Doch erst die Arbeit von zwei Gutachtern und eine Georadar-Untersuchung vor Ort brachten die Erkenntnis: Die Leichen der Opfer wurden dort auf einer Fläche verscharrt, die viel größer ist als das schon als Gedenkstätte deklarierte Gräberfeld nebenan.

Soziale Nutzung angestrebt

Die dem Landeswohlfahrtsverband gehörende Klinikkette Vitos als Grundstückseigentümerin ließ daraufhin nicht nur ihre Verkaufspläne fallen. Sie richtete ein Gremium ein, in dem sie selbst, die Stadt, die im Rathaus vertretenen Parteien, der Landeswohlfahrtsverband sowie eine Anzahl interessierter Bürger und Initiativen nach einer Lösung suchen. Die künftige Nutzung soll einerseits in die Zukunft weisen, andererseits aber auch einen würdigen Umgang mit der grauenvollen Geschichte und den als „unwertes Leben“ der Nazi-Ideologie ermordeten Kindern und zum Teil auch Erwachsenen ermöglichen.

Auf dem Gelände des Kalmenhofs war bereits im 19. Jahrhundert eine für damalige Verhältnisse fortschrittliche Einrichtung eröffnet worden. Unter dem Namen „Idiotenanstalt zu Idstein“ sollte sie behinderte Kinder vor dem Wegsperren retten und ihnen eine Eingliederung in Berufswelt und Gesellschaft ermöglichen. 1927 wurde dann der Betrieb im neu erbauten Haus aufgenommen, bis die Nazis die Macht übernahmen und den Kalmenhof für ganz andere Zwecke nutzten. Bereits seit 1934 wurden dort Zwangssterilisierungen behinderter Menschen durchgeführt. Mit der Tötung der jungen Patienten im Rahmen von Euthanasie und Rassenwahn wurde 1939 begonnen.

Insgesamt sollen dort 700 bis 1000 Menschen umgebracht worden sein. Genaue Zahlen gibt es nicht, denn die Unterlagen wurden bei Kriegsende vernichtet. Eine Zeit lang war das Krankenhaus ab 1941 auch eine Art „Zwischenlager“ für die zur Vergasung in der Vernichtungsanstalt Hadamar vorgesehenen Menschen. Sie mussten so lange ausharren, bis in Hadamar „Platz“ für ihre Tötung war. „Kinderfachabteilung“ hieß dann euphemistisch der Bereich des Kalmenhofs

Der kleine städtische Friedhof reichte nicht aus für all die Leichen, und bald auch der zusätzlich dafür genutzte jüdische Friedhof in Idstein nicht mehr. Wie die Ermittlungen der von Vitos eingesetzten Gutachter bestätigten, ist die Fläche der heimlich ausgehobenen Gräber viel größer als erwartet. Auch auf einem terrassenförmigen Hang wurden die sterblichen Überreste der Opfer vergraben. Nach einem Magistratsbeschluss sollen auf dem Gelände keine Kindergräber überbaut werden.

Konkretere Formen hat die Suche nach einer künftigen Nutzung des Kalmenhofs im August mit einer großen „Zukunftswerkstatt“ angenommen. 40 Engagierte, darunter Idsteins Bürgermeister Christian Herfurth (CDU), sein Vorgänger Gerhard Krum (SPD) und Vitos-Rheingau-Geschäftsführer Servet Dag, sammelten in einem Workshop Vorschläge. Die meisten sehen eine soziale Nutzung vor.