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Krankenversorgung Große Abhängigkeit von Herstellern in China und Indien / Politik fordert Berücksichtigung von europäischen Produktionsstandorten

Wachsende Lieferengpässe bei Arzneimitteln

Archivartikel

Stuttgart.Die Zahl der Lieferengpässe bei Arzneimitteln hat sich 2019 stark vergrößert. „Das Problem ist für Apotheken, Ärzte, Kliniken und Patienten in den letzten Jahren zunehmend größer geworden“, fasst Baden-Württembergs Sozialminister Manfred Lucha (Grüne) die Situation zusammen. Bei einer Befragung hätten 87 Prozent der Apotheker angegeben, die Lieferengpässe hätten sich im Vergleich zum Vorjahr noch weiter verschärft. Durch die Corona-Krise drohen weitere Schwierigkeiten. „Wir müssen jetzt umdenken und darauf hinarbeiten, dass Deutschland und die EU wieder Produktionsstandorte werden“, fordert CDU-Landtagsfraktionschef Wolfgang Reinhart.

Auf Antrag des CDU-Abgeordneten Albrecht Schütte beschreibt Lucha die Situation in einer zehnseitigen Stellungnahme, die dieser Redaktion vorliegt. Der Grünen-Minister verweist auf eine Auswertung des Deutschen Arzneiprüfungsinstituts. Danach haben öffentliche Apotheken in Deutschland für das vergangene Jahr 206 000 Fälle gemeldet, wo der Blutdrucksenker Candesartan nicht in der geforderten Packungsgröße oder Dosis vorhanden war. Das entsprach jeder sechsten Verordnung.

„Es ist erschreckend“

Besonders hart betroffen sind die Krankenhausapotheken. Weil ein Rohstofflieferant in der Ukraine ausgefallen ist, gibt es derzeit zum Beispiel einen Mangel beim Krebsmittel Epirubicin. Bei Ersatzmitteln hätten Patientinnen möglicherweise Nachteile, schreibt Lucha. Für viele Patienten sei das Antidepressivum Venlafaxin die beste Therapie. Aber weil die Versorgung der Apotheken nicht gewährleistet sei, würden schon die Krankenhäuser andere Medikamente einsetzen. Beim Narkosemittel Propofol sei einer von nur zwei großen Lieferanten ausgefallen. Gleichwertigen Ersatz gebe es nicht. „Es ist erschreckend, wie häufig es zu Lieferengpässen kommt“, fasst Schütte zusammen.

Das erforderliche Krisenmanagement stellt nach Luchas Angaben eine erhebliche Belastung für die Krankenhausapotheken dar: „Es wird sehr viel Zeit für Hilfslösungen verwendet.“ Nur mit großem Aufwand gelinge es, in 95 Prozent der Fälle Ersatzmedikamente mit dem gleichen oder einem ähnlichen Wirkstoff zu finden. Vollständige Versorgungsausfälle habe es bisher noch nicht gegeben. Allerdings erhöhe das „ständige Organisieren von Ersatzlösungen das Risiko von Anwendungsfehlern für Patienten“.

Lucha nennt mehrere Ursachen für die Engpässe. Einer sei die Konzentration der Herstellung von Arzneien und Wirkstoffen in Indien, China und weiteren Ländern in Fernost. Zudem gebe es Qualitätsmängel bei der Herstellung und Lieferverzögerungen bei Rohstoffen. Auch die Rabattverträge „können durchaus eine von mehreren Ursachen für Lieferengpässe sein“.

Schütte fordert, dass zukünftig Verträge nur noch mit solchen Arzneimittelherstellern geschlossen werden, die Produktionsstätten in verschiedenen Wirtschaftszonen vorweisen können. Reinhart warnt vor zu großen Abhängigkeiten von Fabriken in China oder Indien. Er fordert, dass künftig beim Abschluss von Lieferverträgen europäische Produktionsstandorte berücksichtigt werden müssen.

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