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Parteien Am 8. November entscheiden die Bürger Stuttgarts über einen neuen Rathauschef / Zweiter Urnengang wahrscheinlich

Wahl mit vielen Unbekannten

Archivartikel

Stuttgart.Vor acht Jahren konnten die Grünen in Baden-Württemberg ihr Glück kaum fassen: Nachdem sie 2011 zunächst mit Winfried Kretschmann den ersten Ministerpräsidenten in der Geschichte der Bundesrepublik stellten, eroberte auch noch das Grünen-Urgestein Fritz Kuhn als erster Politiker aus ihren Reihen den Rathaussessel in einer Landeshauptstadt. Doch ob Wohnungsnot, Verkehr, Luftbelastung – in den Jahren danach nahm die Enttäuschung über Kuhn selbst parteiintern stetig zu. Zudem wurde dem gebürtigen Bad Mergentheimer eine zu geringe Ausstrahlungskraft nachgesagt. Doch das ist bald Geschichte, schließlich tritt der 65-jährige Kuhn bei der OB-Wahl nicht mehr an.

Die Wahl des neuen Oberbürgermeisters in Stuttgart wird in Zeiten von Corona und US-Wahlen kaum wahrgenommen. Wurde die Abstimmung über den Stuttgarter Rathauschef früher als zweitwichtigstes politisches Ereignis im Südwesten nach der Landtagswahl eingestuft, ist sie bislang außerhalb Stuttgarts kaum mehr als eine Randnotiz.

Dies liegt auch daran, dass sämtliche Kandidaten nicht einmal innerhalb der Stadtgrenzen Strahlkraft haben. Das zeigt zum Beispiel das Personalangebot bei den Grünen. Statt Cem Özdemir oder Muhterem Aras tritt Veronica Kienzle (58) an, eine Bezirksvorsteherin in Stuttgart-Mitte. Sie wolle Stuttgart „zu einer vorbildlichen Stadt der Klimaanpassung entwickeln“, erklärt Kienzle.

Erfahren aber unbekannt

Die Grünen, die im Stuttgarter Gemeinderat die stärkste Fraktion stellen, können sich in der Stadt, die fast schon traditionell eine ihrer Hochburgen im Südwesten ist, trotzdem gute Chancen ausrechnen. Denn schließlich geht für die CDU mit dem Backnanger Oberbürgermeister Frank Nopper (59) ein Kandidat ins Rennen, der zwar Stuttgart wegen seiner familiären Verwurzelung kennt, aber vielen in der Stadt bislang ein unbeschriebenes Blatt ist. Immerhin: Nopper ist erfahren und leitet bereits seit 18 Jahren die 37 000-Einwohner-Stadt im Rems-Murr-Kreis.

Nopper, der Stuttgart zum „leuchtenden Stern des Südens“ machen will und Kienzle, die als erste Frau an der Rathausspitze die Stadt klimaneutral umgestalten möchte, liegen in den Umfragen vorn. Ökologisch und weiblich versus bürgerlich und männlich – hier haben die rund 450 000 Wahlberechtigten zumindest klare Alternativen.

Doch auch der SPD-Kandidat Martin Körner (50) – seine Partei ist bei den Kommunalwahlen 2019 auf 11,6 Prozent abgestürzt – kann sich laut der Umfragen zumindest Hoffnungen auf einen Wahlsieg machen.

Die Chancen des unabhängigen Bewerbers Marian Schreier, ebenfalls SPD-Mitglied und aktuell Bürgermeister in Tengen im Hegau, am Ende die Nase vorne zu haben, dürften eher überschaubar sein. Schreier ist mit 30 Jahren der mit Abstand jüngste Kandidat. Auf diese Karte – sein Motto lautet „Der Junge kann das“ – setzt der gebürtige Stuttgarter auch. An Schreier, der mit einem modernen Social-Media-Wahlkampf vor allem bei Jüngeren punkten möchte, gibt es aktuell Kritik wegen Lichtprojektionen am Rathaus, an der Stadtbibliothek und am Fernsehturm, mit denen zu seiner Wahl aufgerufen wurde. Hier prüft die Stadt rechtliche Schritte.

Fünf Kandidaten mit Siegchancen

Ähnliche Außenseiterchancen wie Körner und Schreier werden auch dem Stadtrat Hannes Rockenbauch vom Fraktionsbündnis SÖS/Linke eingeräumt. Der 40-Jährige hat in der Vergangenheit vor allem als einer der Wortführer der Gegner des Bahnprojekts Stuttgart 21 von sich Reden gemacht.

Neben diesen fünf Kandidaten mit realistischen Siegchancen haben sich noch neun weiteren Personen beworben. Sie werden vermutlich eher nicht über den einstelligen Prozentbereich hinauskommen. Die Beobachter gehen davon aus, dass aus dem Kandidatenfeld am Sonntag höchstwahrscheinlich niemand die Wahl für sich entscheiden kann. Daher werden die Stuttgarter wohl erst am 29. November in einem zweiten Wahlgang über ihren neuen Rathauschef entscheiden.

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