Länder

Interview Geschäftsführer der Tourismus Marketing GmbH Baden-Württemberg über Urlaubstrends im Südwesten

„Wandern ist jünger geworden“

Archivartikel

Stuttgart.Wem es zu gut geht, der verschläft Trends und Entwicklungen. Tourismus-Marketing Baden-Württemberg-Chef Andreas Braun warnt im Interview trotz florierender Branche davor, es sich bequem zu machen.

Herr Braun, wie geht es der Tourismusbranche im Land?

Andreas Braun: Gut. Die Halbjahreszahlen zeigen, dass alle Regionen im Land vom touristischen Wachstum profitieren. Wir liegen über dem Bundesdurchschnitt. Das Interessante ist, dass die wichtigsten Urlaubsregionen, wie vor allem der Bodensee, die starken Monate statistisch noch vor sich sehen. Wir haben ja noch keine Zahlen zu Juli und August. Gewöhnlich ist es so, dass etwa der Bodensee dann noch einmal richtig Gas gibt.

Was macht Baden-Württemberg besser als andere Bundesländer?

Braun: Zum Erfolg im Tourismus tragen so viele Faktoren und Beteiligte bei, dass es schwer ist, das in wenigen Worten zu erklären. Aber ganz offensichtlich haben Hoteliers und Gastronomen ihre Hausaufgaben gemacht und richtig investiert. Und wir haben im Augenblick auch ein sehr günstiges Umfeld. Wir leben in einer Hochkonjunkturphase. Die Menschen planen mehr Aufenthalte und Urlaubsreisen als in den vergangenen Jahren, wollen im Urlaub auch mehr ausgeben.

Wenn wir auf die Regionen schauen – was fällt auf?

Braun: Momentan macht die Schwäbische Alb einen sehr guten Job. Das ist keine mit dem Bodensee vergleichbare Urlaubsregion, man hat sich früher eher auf das Wochenendangebot konzentriert. Auf der Schwäbischen Alb ist aber in den letzten Jahren sehr viel passiert. Dagegen stelle ich am Bodensee mitunter eine gewisse Saturiertheit fest.

Geht’s denen zu gut?

Braun: Ja. Und wenn es einem zu gut geht und das Geschäft sowieso läuft, dann übersieht man häufig die Notwendigkeit von Wandel und Innovation. Das Hauptproblem am Bodensee ist immer noch struktureller Natur. Dass es immer noch keine einheitliche deutsche Bodensee-Organisation gibt. Es gibt den Tourismus Westlicher Bodensee, der von Konstanz aus gemanagt wird, und es gibt die Deutsche Bodensee Tourismus GmbH in Friedrichshafen (DBT). Die arbeiten jetzt nicht gegeneinander, aber eine einheitliche deutsche Organisation wäre für die Gäste von Vorteil.

Wie sieht es denn mit dem Stadt-Land-Gefälle aus?

Braun: Wir beobachten seit Jahren, dass sich der Tourismus in den Städten dynamischer entwickelt als im ländlichen Raum. Freiburg, Heidelberg, aber auch Konstanz freuen sich über erneut deutlich überdurchschnittliche Zuwächse. Wir müssen den ländlichen Raum attraktiv halten. Dafür gibt es gute Beispiele. Orte wie Baiersbronn oder Bad Wildbad etwa haben in den letzten Jahren alles richtig gemacht. Der wichtigste Faktor ist die Wettbewerbsbeobachtung und das Eingehen auf die Bedürfnisse der Gäste. Man darf da nie los- und lockerlassen.

Wo geht es denn gerade hin?

Braun: Ich bin überrascht, dass vergleichsweise unspektakuläre Aktivitäten in der Natur wie Wandern und Radfahren eine über Jahre andauernde Renaissance erleben. Das Wandern ist deutlich jünger geworden. Auf Premium- und Qualitätswanderwegen ist man oft überrascht, welche Menschen davon angezogen werden. Aber auch der Radtourismus nimmt zu, fächert sich allerdings auch auf. Vor zehn Jahren hat man den Tourenradfahrer im Blick gehabt, heute wird massiv und im ganzen Land das Angebot für die Mountainbiker ausgebaut. Da tut sich unglaublich viel Positives. Ein gut angenommenes Nischenthema ist es auch, Ruhe und Entspannung in der Natur zu suchen, die Wildnis aufzusuchen. Dazu haben wir ja inzwischen auch den Nationalpark. Da gibt es ja etwa diese Trekking-Camps mit Übernachtungsmöglichkeiten im Freien – so etwas erfreut sich großer Beliebtheit. Dieser Trend geht ja in Richtung weniger ist mehr – für Hotellerie und Gastronomie ja nicht unbedingt positiv. In den letzten Jahren ist die Nachfrage nach höherwertigen Hotels gestiegen. Bei Vier-Sterne-Hotels haben wir sicher sogar noch Nachholbedarf.