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Messerattacke Prozess gegen damals minderjährigen Flüchtling / Oberstaatsanwalt begründet Anklage wegen versuchten Mordes

„War sich keiner Gefahr bewusst“

Darmstadt.Die 17-jährige Ahlam und der minderjährige Flüchtling aus Afghanistan treffen zwei Tage vor Heiligabend in der Nähe ihrer Wohnung in Darmstadt aufeinander. Die Staatsanwaltschaft geht gestern zu Prozessbeginn vor dem Landgericht Darmstadt davon aus, dass die beiden ein Paar waren. Er habe seine Ex-Freundin bei dem Treffen gegen 20.45 Uhr gebeten, sie noch ein letztes Mal umarmen zu dürfen – und dann zugestochen. „Die Geschädigte war sich keiner Gefahr bewusst“, begründete Oberstaatsanwalt Wolfgang Sattler vor der Jugendkammer die Anklage wegen versuchten Mordes.

Der Angeklagte habe dem Mädchen mit einem sieben Zentimeter langen Messer in den Rücken gestochen. Daraufhin fiel Ahlam laut Anklage zu Boden, der Täter habe aber weiter auf ihren Oberkörper eingestochen. Allein zehn Stiche trafen ihre beiden Lungenflügel. Ein Stich am Brustkorb endete nur fünf Millimeter vor ihrem Herzen. Der Täter stach auch in Ahlams Oberarm, ihre Wange und ihren Nacken. Er habe die Absicht gehabt, sie zu töten und heimtückisch gehandelt, sagte Sattler. Nach dem Messerangriff flüchtete er. „Er ging davon aus, dass sie in Folge der Verletzungen sterben wird.“ Passanten fanden die lebensgefährlich Verletzte. Eine Notoperation konnte sie retten. Der mutmaßliche Täter wurde kurz darauf festgenommen und sitzt seither in U-Haft. Der Angeklagte war 2015 allein nach Deutschland gekommen. Er habe aber Familie in Deutschland, sagte sein Anwalt, ohne Einzelheiten zu nennen. Ahlam war Medienberichten zufolge in der Schule seine Sprachpatin. Die inzwischen 18 Jahre alte Marokkanerin lebt schon lange in Deutschland. Als Nebenklägerin nimmt sie an dem Verfahren teil – begleitet von ihrer Mutter und einem Anwalt. Vor Prozessbeginn verhüllte sie sich mit Tuch und Sonnenbrille – und sie weinte.

Genaues Alter unklar

Unklar ist das genaue Alter des Angeklagten. Vor der Kammer stimmte er dem Richter zu, der sein Geburtsdatum mit Januar 2001 angab – also 17 Jahre und gut sieben Monate. Einem Gutachten zufolge war er zur Tatzeit mindestens 16 Jahre, wahrscheinlich aber schon 18. Staatsanwaltschaft und Gericht gehen davon aus, dass er noch minderjährig war. Ob sich der Angeklagte vor Gericht einlässt, ließ sein Anwalt vor Verhandlungsbeginn offen. Der Name des Angeklagten solle zu seinem Schutz nicht genannt oder abgekürzt werden. Wegen seines Alters verhandelt eine Jugendkammer, und der Prozess ist nicht öffentlich.

Die Kammer hat Medienvertreter jedoch wegen des öffentlichen Interesses gestern zur Verlesung der Anklage und schließlich auch zur Urteilsverkündung zugelassen. Dies könnte am 7. September fallen, dem bislang letzten von vier angesetzten Verhandlungstagen. lhe