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Serie Der Stuttgarter Linke-Politiker arbeitet derzeit an einem Buch, das im November erscheinen soll

Was macht … Ulrich Maurer?

Archivartikel

Stuttgart.Enttäuschte Liebe vergeht anscheinend nie. „Mein ganzes Leben war ein Kampf mit der SPD“, sagt Ulrich Maurer. 2003 hat der mittlerweile 69-Jährige die Partei verlassen, in die er 1969 mit 21 eingetreten war. Zwei Jahre danach zieht der gebürtige Stuttgarter für Die Linke in den Bundestag ein. Seinen Lebensweg zeichnet er gerade in einem Buch nach, das sich auch „mit dem Elend der SPD beschäftigt“. Erscheinen soll es im November, sozusagen sein eigenes Geschenk zum 70. Geburtstag.

Maurer, eigentlich ein in der Wolle gefärbter politischer Realist, träumt von einem neuen Bündnis zwischen seiner alten und seiner aktuellen Partei. „Die Linke muss sich in Deutschland neu organisieren und breiter aufstellen“, rüttelt er an den Strukturen. Die Linke habe der SPD „die Zusammenarbeit wie sauer Bier angeboten“. Doch mit dem neuen SPD-Führungsduo, der Parteivorsitzenden Andrea Nahles und Finanzminister Olaf Scholz, werde das wohl weiter nichts: „Beide segeln auf dem gleichen Kurs.“ Seiner Ansicht kann sich deshalb Rot-Rot-Grün nur von unten entwickeln. „Es gibt Ansätze Plattformen zu gründen. Aber die werden von oben blockiert“, klagt Maurer.

„Roter Riese“

Die Entwicklung der SPD betrachtet Maurer mit einer Mischung aus Mitleid und staatspolitischer Sorge. „Diesen Abstieg hätte ich mir nicht vorstellen können“, sagt er im Gespräch mit dieser Zeitung. Das sei „nicht gut für das Land“. Der Niedergang hat seiner Ansicht nach mit der Agenda-Politik des damaligen Kanzlers Gerhard Schröder begonnen.

Statt das Ruder herumzureißen habe Nahles-Vorgänger Sigmar Gabriel einen „unsäglichen Schlingerkurs“ gefahren: „Nun steht die SPD wie ein Unternehmen da, das seinen Markenkern verloren hat.“ Als Gegenbeispiel sieht er den Labour-Chef Jeremy Corbyn. Der sei in England mit einem klaren Links-Kurs doch ziemlich erfolgreich. Links verortet er zwar auch Leni Breymaier, die neue SPD-Chefin im Südwesten. „Aber sie hat das Problem, dass sie zu spät dran ist.“

Mit Schröders Hartz-IV-Reformen begründet Maurer auch seinen Bruch mit der SPD. „Für mich war das ein Tiefpunkt in meinem politischen Leben, als auf dem Sonderparteitag 80 Prozent der Delegierten für die Umsetzung der Agenda 2010 stimmten, weil Gerhard Schröder mit Rücktritt gedroht hatte“, blickt er auf das Jahr 2003 zurück. Zur Entfremdung zwischen Maurer und der SPD gibt es aber auch noch eine andere Lesart. Maurer war zwölf Jahre lang ihr Vorsitzender in Baden-Württemberg, von 1992 bis 2001 führt er die Landtagsfraktion. Seine strategischen Fähigkeiten bringen ihm damals den Beinamen „roter Riese“ ein. Im Zenit steht er zu Zeiten der großen Koalition von 1992 bis 1996. Die Wahlschlappe im selben Jahr zerstört Maurers Karriere. Den Hinweis, dass man damals ja doch noch 25 Prozent erreichte, kann sich Maurer angesichts der zuletzt knapp 13 Prozent nicht verkneifen. 1999 verliert er den Landesvorsitz, ein paar Jahre später mag die SPD ihren langjährigen Landeschef nicht einmal mehr auf der Europawahlliste absichern.

Maurer geht den Weg von Oskar Lafontaine, dessen Vertrauter er schon zu SPD-Zeiten war, und zieht 2005 für die Linkspartei in den Bundestag. Lafontaine macht ihn zum Beauftragten für den Aufbau West. „Dass wir hier heute bei neun Prozent liegen, hat vor zehn Jahren niemand für möglich gehalten“, zeigt er sich mit dem Erreichten „ganz zufrieden“. Die größeren Probleme für die Linke sieht er inzwischen im Osten. Da kämpfe die Partei überall mit Überalterung. „Die Gründergeneration stirbt aus“, sagt er offen. 2013 macht Maurer im Bundestag Schluss. Er findet, das habe er ganz gut hingekriegt: „Man muss gehen, so lange es die meisten noch bedauern“. Noch immer hat er einen Arbeitsplatz in der Bundestagsfraktion. Wobei nicht so richtig klar ist, was und wen er da eigentlich berät. „Gelegentlich braucht man einen Troubleshooter, manchmal einen Mediator“, beschreibt er seine Aufgabe wolkig zwischen Problemlöser und Vermittler. Und im Auftrag der Linken sitzt der gelernte Jurist noch in der G-10-Kommission, die über die Arbeit der Geheimdienste wacht.

Auch privat hat Maurer mit dem Wechsel in den Bundestag noch einmal neu angefangen. 2009 hat er seinen Lebensmittelpunkt von Stuttgart nach Berlin verlegt und lebt dort mit seiner zweiten Ehefrau Christine Rudolf, einer früheren Landtagsabgeordneten, und ihren beiden Kindern im Stadtteil Köpenick. Zur Miete, wie es sich für einen Linken gehöre. „Es war der gemeinsame Start in ein völlig neues Leben“, erzählt er. Wenn er seine längst erwachsenen Kinder und die drei Enkel in Baden-Württemberg besucht, werde er noch oft erkannt und auch angesprochen.

Eine Konstante gibt es jedoch: Noch immer halbiert er die Filterlosen mit einer kleinen Schere akkurat, ehe er sie raucht. Aber fit sei er trotzdem. Schließlich habe er nach dem Rückzug aus dem Bundestag wieder angefangen, Tennis zu spielen.