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Umwelt Jäger stellen steigende Population fest / Kassel gilt als Hochburg der Tiere / Immense Schäden an Gebäuden

Waschbären breiten sich stark aus

Archivartikel

Kassel/Fulda.Plötzlich stehen sie auf der Straße in Kassel. Drei Waschbären, mitten in der Stadt, offenbar Jungtiere. Erschrocken springt die Bande vor einem Radfahrer auseinander, zwei Tiere flitzen auf das Gelände eines Autohauses, das dritte stellt sich weniger klug an: Es klettert erst umständlich auf einen Zaun, dann wieder herunter. Schließlich läuft es quiekend über das Gelände, auf der Suche nach den Artgenossen.

Begegnungen wie diese sind keine Seltenheit in Kassel. Egal ob im Park oder im Biergarten – die Raubtiere mit der maskenartigen Fellfärbung am Kopf sind sehr aktiv. In Kassel, oft auch als „Hauptstadt der Waschbären“ bezeichnet, ist man das gewohnt. Von 100 Tieren auf 100 Hektar geht der Landesjagdverband Hessen aus. Normal seien anderenorts vier Tiere auf so einer Fläche.

Waschbären sind in vielen Teilen Hessens wieder Thema. Denn laut der Jägerschaft werden sie immer mehr: „Sie können sich gar nicht vorstellen, wie viele Anrufe wir hinsichtlich der Population im Stadtgebiet bekommen“, sagt Rudolf Leinweber, Vizepräsident des Landesjagdverbandes aus Fulda. Wenn die Raubtiere in Dachstühlen sesshaft würden und immense Schäden über Tausende Euro anrichteten, „dann hört auch für Leute, die tierschutzaffin sind, der Spaß auf“. Bekannt werden meist nur die größeren Fälle, beispielsweise als ein Waschbär 2019 im Kreis Kassel ein Büro verwüstete und 10 000 Euro Schaden anrichtete.

Dabei dürfen junge Waschbären in Hessen seit Februar ganzjährig gejagt werden. „Wenn man ein Jungtier sieht, macht es keine Laune, es zu töten“, erklärt Leinweber. Doch die Jäger kämen ihrer Pflicht nach. Eigentlich gilt der Abschuss aber als unattraktiv: Wer auf den Waschbären schießt, bekommt erstmal kein anderes Tier vor das Gewehr. Der Abschuss in Städten ist wegen des Risikos so gut wie unmöglich. Für erwachsene Tiere gilt zudem eine Schonzeit von März bis Juli.

Rund 29 000 Waschbären wurden laut Leinweber im vergangenen Jahr in Hessen geschossen. Das ist bisher der zweithöchste Wert. Nur im Jagdjahr 2012/2013 waren es ein paar Tiere mehr. Für die Jäger ist das ein Zeichen, dass die Population wächst. Die sogenannten Jagdstrecken sind eines der wenigen Mittel, Bestände abzuschätzen. Bestands-Zählungen gibt es nicht.

Nahrungsangebot wächst

Die Jagdstrecken zeigen, dass neben Nordhessen auch in Ost-, West- und Mittelhessen Tiere geschossen werden. Der Naturschutzbund Nabu zweifelt an der Aussagekraft. „Jagdstrecken sind nur ein vager Hinweis“, sagt Sprecher Berthold Langenhorst. Mehr Abschüsse bedeuteten nicht zwangsläufig, dass sich die Bestände erhöht hätten. „Waschbären haben Reviere, wenn die Reviere besetzt sind, müssen die Jungtiere auswandern.“ Deswegen breiteten sich die Raubtiere weiter aus.

Allerdings sei es durchaus möglich, dass Reviere kleiner würden – beispielsweise wenn das Nahrungsangebot wachse. Von der flächendeckenden Jagd halten Naturschützer trotzdem wenig: Wenn die Tiere getötet würden, wachse die Population, um das auszugleichen. „Es wird geschossen und geschossen und die Bestände werden nicht geringer“, erklärt Langenhorst. lhe