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Verkehr Im Mainzer Energiepark wird tonnenweise umweltfreundlicher Treibstoff produziert / Ein Stadtteil profitiert bereits

Wasserstoff ist da, Busse fehlen

Archivartikel

Mainz/Wiesbaden/Frankfurt.Wasserstoff-Fahrzeuge können viel weiter fahren als batteriegetriebene E-Autos. Nach Einschätzung von Fachleuten sind sie besonders für den Bus- und Schwerlastverkehr geeignet. Im Rhein-Main-Gebiet sollen auch bald mit H2 betriebene Busse rollen – so die chemische Formel für Wasserstoff. Doch es fehlen geeignete Fahrzeuge. Im Energiepark Mainz wird in einem Vorzeigeprojekt der Energiewende bereits tonnenweise grüner Wasserstoff produziert – mit Hilfe von vier Windkrafträdern.

In drei Elektrolyseanlagen wird dafür Wasser in einem speziellen chemischen Verfahren in Sauerstoff und brennbaren Wasserstoff gespalten. „Der enthält die Energie von Strom“, sagt der Leiter des Innovationsmanagements der Mainzer Stadtwerke, Jonas Aichinger. Gemeinsam mit dem Unternehmen Linde betreiben die Stadtwerke die Anlage. Abnehmer des Wasserstoffs sollen Fahrzeuge, Industrie und Haushalte sein.

Land finanziert mit

Eigentlich sollten schon bald elf – 2016 bestellte – Brennstoffzellbusse mit dem Wasserstoff durch Mainz, Wiesbaden und Frankfurt fahren. Doch aus den Plänen wird erstmal nichts: Das beauftragte Unternehmen habe die in Polen bestellten Busse nicht liefern können, heißt es in Mainz und Wiesbaden. Die beiden Landeshauptstädte schreiben jetzt gemeinsam europaweit neu aus, wie der Sprecher des Wiesbadener Verkehrsunternehmens ESWE, Christian Giesen, sagt. In Belgien werden Busse für Wasserstoff hergestellt – und eben auch in Polen, wie Energietechnik-Fachmann Gregor Hoogers vom Umweltcampus Birkenfeld sagt. „In Deutschland sind derzeit keine zu kriegen.“

Die geplante Wasserstofftankstelle für Busse in Wiesbaden soll trotzdem am 27. Februar an den Start gehen. Rheinland-Pfalz und Hessen haben deren Bau mit je etwa einer Million Euro finanziert. Beliefert wird die Tankstelle aus dem Energiepark Mainz.

„Wir glauben an die Technik und die Zukunft“, betont Giesen aus Wiesbaden, trotz des Rückschlags bei den bestellten Bussen. Mit Leih- und Testbussen der Firma Winzenhöler aus Groß-Zimmern in Südhessen sollen erste Erfahrungen gesammelt werden. „Wir möchten ESWE mindestens ein Fahrzeug zur Verfügung stellen“, sagt der Chef des Unternehmens, Christian Winzenhöler. Sein Fuhrpark habe insgesamt acht Wasserstoff-Busse: fünf davon sind im Industriepark Höchst unterwegs und einer als erster im öffentlichen Nahverkehr in Hessen seit Mai 2019 rund um Darmstadt.

Bis zu 200 Tonnen grüner Wasserstoff sollen im Mainzer Energiepark pro Jahr produziert werden, wie Aichinger sagt. Derzeit seien es etwa 180 Tonnen. Für Fahrzeuge und die Industrie sei der Löwenanteil von 80 Prozent bestimmt.

200 Tonnen reichten aus, um etwa 40 Linienbusse zu betreiben. Ein Bus mit einer E-Batterie schaffe bis zu 150 Kilometer am Tag, mit Wasserstoff komme er etwa doppelt so weit, rechnet Aichinger vor. Ähnliches gilt für Pkw: Ein E-Auto könne bis zu 300 Kilometer fahren, ohne zu tanken. Beim Wasserstoff seien es bis zu 700 Kilometer.

Im Zugverkehr wird Wasserstoff ebenfalls eine Rolle spielen. In Hessen will der Rhein-Main-Verkehrsverbund (RMV) vom Winterfahrplan 2022 an 27 solcher Züge einsetzen. Im Industriepark Höchst solle dazu eine Zugtankstelle errichtet werden, derzeit laufe das Genehmigungsverfahren, heißt es bei der Landesregierung in Wiesbaden.

1000 Häuser angeschlossen

In Rheinland-Pfalz wollen der Zweckverband SPNV Nord und das Verkehrsministerium untersuchen lassen, ob der Einsatz eines Wasserstoff-Zuges auf der Pellenz-Eifel-Strecke möglich ist. Damit sollen Erkenntnisse über den Einsatz der neuen Technologie auf der Schiene gesammelt werden. Im Mainzer-Stadtteil Ebersheim werden schon 1000 Hausanschlüsse vom Energiepark mit dem umweltfreundlichen Wasserstoff versorgt. Diese Größenordnung sei bundesweit einzigartig, berichtet Aichinger. „Zehn Prozent des Erdgas ersetzen wir durch Wasserstoff.“ Etwa ein Fünftel des im Energiepark hergestellten Wasserstoffs wird in das lokale Erdgasnetz eingespeist und versorgt klimaneutral Privathaushalte. lhe