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Sicherheit Rettungskräfte aus Hessen, Bayern und Thüringen arbeiten häufiger zusammen / Verkürzte Anfahrtswege

Wenn die Nachbarn helfen

Archivartikel

Fulda.Der Notruf trifft am Vormittag aus dem benachbarten Wartburgkreis in der Fuldaer Rettungsleitstelle ein. Ein Mann hat sich bei einem Treppensturz ein Schädel-Hirn-Trauma zugezogen. Nun zählt jede Minute, um rechtzeitig zu helfen. Doch die verfügbaren Rettungswagen in der Region würden länger brauchen, ganz gleich, von welchem Ort sie entsandt werden. Deswegen alarmiert der erfahrene Einsatzleiter Klaus-Peter Bischof den am Klinikum Fulda stationierten Rettungshubschrauber. „Der braucht laut Computer nur acht Minuten bis zum Ziel.“

Bischofs Kollege, Leitstellen-Administrator Thomas Steinbrucker, sieht in den Einsätzen des Fuldaer Rettungshubschraubers ein „Musterbeispiel für grenzübergreifende Zusammenarbeit“. Zwar wird bei Notfall- und Rettungseinsätzen viel auf kommunaler und Landes-Ebene organisiert und entschieden. Doch in der Not lösen sich starre Zuständigkeiten auf. Dann helfen sich Nachbarn aus Hessen, Bayern und Thüringen im Drei-Länder-Eck.

Gerade der ADAC-Rettungshubschrauber Christoph 28 ist in Windeseile in allen drei Ländern. Die meisten seiner Einsätze absolviert die Maschine in einem Umkreis von 70 Kilometern. In welche Regionen er damit vordringt, zeigt Leitstellen-Mitarbeiter Alexander Böhm mit einer Art Zirkel auf einer großen Landkarte an der Wand.

Vor allem in dünn besiedelten Regionen, in denen die nächsten Notarzt- und Feuerwehrwagen zum Teil weit entfernt stehen, sei es wichtig, dass die Retter sich als Teil eines Netzwerks verstehen. „Die Anfahrts- und Transportwege sind teilweise lang, vor allem in den ländlichen Gebieten“, bestätigt Thomas Plappert, stellvertretender Leiter des Rettungsdienstes im Landkreis Fulda. Der Landkreis grenzt im Süden an die bayerischen Landkreise Bad Kissingen und Rhön-Grabfeld und im Osten an die Landkreise Schmalkalden-Meiningen und den Wartburgkreis in Thüringen.

Individuelle Stärken

Länderübergreifende Zusammenarbeit ist besonders bei großen Notfällen nötig. Als sich im Oktober 2018 auf der Wasserkuppe, Hessens höchstem Berg in der Rhön, ein Flugzeugunglück mit drei Todesopfern ereignete, wurde Großalarm ausgelöst. Angesichts der Notlage eilten auch Retter aus dem bayerischen Bischofsheim nach Gersfeld, hinauf auf den 950 Meter hohen Mittelgebirgsgipfel. Retter aus Thüringen konnten sich nicht beteiligen. „Die sind von uns aus gesehen strategisch nicht so gut stationiert. Die nächsten Notärzte befanden sich erst in Meiningen und Bad Salzungen“, erklärte Plappert. Jedes Land kann bei Notfällen seine Stärken ausspielen. So leistet auch die Bayerische Bergwacht bei Unfällen mit Gleitschirmfliegern Unterstützung.

Um abzuwägen, welche Einsatzkräfte bei welchen Notfällen am besten helfen können, sind die Kapazitäten benachbarter Landkreise bereits in Fulda im Computer eingepflegt. So sehen die Leitstellen die Verfügbarkeiten und können bei den Nachbarn um Unterstützung bitten. Selbst in Bewegung setzen können sie sie aber nicht. „Früher herrschte viel mehr Inseldenken. Doch das verschwindet zunehmend. Es kann ja nicht sein, dass Brandschutz und Rettungseinsätze an Ländergrenzen aufhören. Deswegen wurde die Zusammenarbeit intensiviert“, erklärt der Fuldaer Kreisbrandinspektor Adrian Vogler.

Wie oft hessische Feuerwehrleute und Notfallhelfer pro Jahr in Bayern und Thüringen Hilfe leisten und umgekehrt – darüber liegen dem Innenministerium und dem hessischen Sozialministerium keine Statistiken vor. Auch das bayerische Innenministerium hat keine Statistiken über gegenseitige Einsätze.

Gemeinsame Übungen

Doch in den Leitstellen wird Buch geführt. Bei der Leitstelle in Fulda wurden 2018 den Angaben zufolge 27 320 Einsätze im Bereich des Rettungsdienstes, des Brandschutzes und der allgemeinen Hilfe dokumentiert. Dabei wurden etwa 740 Einsätze fremder Rettungsfahrzeuge im Landkreis Fulda verzeichnet. In 519 Fällen kamen Fahrzeuge aus dem Landkreis Fulda außerhalb zum Einsatz. In 506 Einsätzen wurde der Hubschrauber Christoph 28 zu Einsätzen außerhalb alarmiert.

Auch in anderen Grenzlandkreisen sind oft Rettungskräfte aus dem Nachbarland schneller vor Ort. Die Integrierte Leitstelle Bayerischer Untermain in Aschaffenburg sagt, dass etwa 1250 Mal pro Jahr Kollegen aus Hessen oder Baden-Württemberg helfen. Feuerwehren aus Hessen und Bayern übten teils sogar zusammen. Auch die an Thüringen angrenzende Leitstelle in Coburg berichtet von grenzüberschreitender Koordination „mehrmals täglich“.