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Abhängigkeit Bis zu 70 ambulante Behandlungen wegen Computersucht pro Jahr in Mainz / Vermittlung von Medienkompetenz zentral

Wenn PC und Internet zur höchsten Priorität werden

Archivartikel

Mainz.Zwei junge Männer sind süchtig nach Online-Rollenspielen und brechen deshalb unabhängig voneinander ihre Ausbildung ab. „Das Spiel hat immer mehr Raum eingenommen“, erzählt ein Suchtberater des Diakonischen Werks Rhein-Lahn, an den sich die beiden Azubis wandten. Einer habe etwa keine Miete mehr gezahlt. Dadurch habe er seine Wohnung verloren – „das war der Anlass für ihn, die Beratung aufzusuchen“. Der Andere habe schon vor dem Beratungsgespräch selbst versucht, stationäre Hilfe zu bekommen. In beiden Fällen habe die Beratungsstelle die Männer in eine Therapie vermittelt.

Die Schwierigkeit ist dem Berater zufolge der Stellenwert von Medien. „Ich kann zum Beispiel ein alkoholabstinentes Leben führen. Aber ich kann mich nicht dazu entscheiden, ein medienabstinentes Leben zu führen.“ Daher gehe es bei einer Therapie unter anderem darum, Medienkompetenz zu vermitteln. Neben Betroffenen wenden sich immer wieder besorgte Eltern an die Beratungsstelle. Dann versuche er herauszufinden, ob ihr Kind tatsächlich bedenklich viel Zeit mit PC oder Smartphone verbringe. „Wichtig ist, dass die Kontakte im echten Leben noch vorhanden sind.“

„Es kann jeden treffen“

Eine besonders gefährdete Personengruppe gibt es laut dem psychologischen Leiter der Ambulanz für Spielsucht der Unimedizin Mainz, Klaus Wölfling, nicht: „Es kann jeden treffen.“ Eine vorherige psychische Störung müsse nicht vorliegen.

Bei einer Computer- oder Internetsucht zeigten Betroffene eine bestimmte Reaktion auf einen Reiz, der für andere Menschen neutral sei, so Wölfling. Das könne ein Geräusch aus einem Spiel oder das des Computerlüfters sein. „Dann bekommt er ein unwiderstehliches Verlangen.“ Ein Anzeichen für eine Abhängigkeit sei der Kontrollverlust: „Sie nehmen sich vor, weniger Zeit damit zu verbringen und schaffen es nicht.“ Betroffene könnten ihre Freizeit nicht mehr ohne PC gestalten.

Eine stationäre Therapie gegen Computer- und Internetsucht wird unter anderem in einer Klinik im saarländischen Neunkirchen angeboten. Oberarzt Holger Feindel spricht von einer fehlgeleiteten „Flucht in die virtuelle Welt, wo alles schöner, besser ist“. Bei der Therapie müsse daher die eigentliche Ursache für die Abhängigkeit erkannt und aufgearbeitet werden. Daneben würde Medienkompetenz vermittelt und alternative Hobbys gesucht. Ganz ohne PC leben – das muss ein Patient laut Feindel nicht. „Es gibt zum Beispiel nicht die Regel, dass wir ihm jegliches Computerspielen verbieten würden.“

In der Klinik in Neunkirchen machen nach Angaben von Feindel im Schnitt etwa 100 Menschen eine Therapie wegen einer Computer- oder Internetsucht. In der Ambulanz in Mainz werden Wölfling zufolge durchschnittlich 50 bis 70 Patienten pro Jahr ambulant behandelt. Sie besteht seit 2008 und war laut Gesundheitsministerium die erste derartige Ambulanz in Rheinland-Pfalz. lrs

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