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Sicherheit Bei einem Wiesbadener Polizeisportverein trainieren Bürger gemeinsam mit Beamten in Selbstverteidigungskursen

„Wer aufgibt, hat verloren“

Wiesbaden.Es ist Mittwochabend, draußen ist die Sonne untergegangen. Miriam Pyttel trainiert in einer Sporthalle auf dem Gelände der hessischen Polizeiakademie die Kampf- und Verteidigungssportart Ju-Jutsu beim Polizeisportverein Grün-Weiß Wiesbaden. „Ich habe großen Respekt dafür entwickelt, was alles auf der Straße passieren kann“, sagt die Kommunikationsdesign-Studentin über die Lehren, die sie mitgenommen hat.

In Hessen gibt es etwa 20 Vereine, die sich zur Aufgabe gemacht haben, das „Miteinander von Bürgern und Polizei zu stärken“. Die Vereine dienen als „Bindeglied zwischen Bürgern und Polizisten.“ Zudem könne die Bereitschaft der Bürger gefördert werden, „bei der Gewährleistung der inneren Sicherheit mitzuhelfen“.

Das klingt ganz nach dem Ju-Jutsu-Training in einem „Dojo“ – also einem Übungsraum – in der hessischen Polizeiakademie. 17 Sportler, darunter Pyttel, laufen sich erst warm – knapp die Hälfte sind Polizisten. Danach trainieren sie paarweise Angriff und Verteidigung. Schläge, Tritte, Abwehr.

Miriam gegenüber steht die 17-jährigen Michelle, Praktikantin bei der Polizei. Was wichtig ist im Kampfsport? „Respekt, Toleranz“, sagt Trainer Frank Witte, Polizist, Europameister und World-Cup-Gewinner im Ju-Jutsu. Und: „Wer zuerst aufgibt, hat verloren.“ Die Zivilisten lernen, dass Polizisten „keine unnahbare Autorität“ seien, erklärt Witte. „Schmerz und Leid gibt es überall.“ Es gebe weit mehr über den Polizeiberuf zu erfahren als im Fernsehen aus „Alarm für Cobra 11“.

In ganz Hessen sporteln, singen oder funken Polizisten und Bürger miteinander. Sechs das Miteinander fördernde Vereine gibt es ganz im Norden in Kassel, darunter ein Polizeichor und ein Funkclub. Der südlichste dem Innenministerium bekannte Verein, „Bürger und Polizei“, ist in Heppenheim beheimatet.

Trainer Witte will Zivilisten darauf vorbereiten, verbale und körperliche Übergriffe abzuwehren. Auch von Gegnern in der Überzahl. Das habe er mit Kollegen im Dienst schon durchlebt. Der 52-Jährige vermittelt seine Erfahrungswerte. „Aber ohne Dienstgeheimnisse preiszugeben, insbesondere polizeitaktisches Vorgehen“, sagt er. Denn Ju-Jutsu ist für Polizisten eben mehr als nur ein Hobby. Das Bundesinnenministerium beauftragte 1967 fortgeschrittene Kampfsportler, ein effektives, stiloffenes und übergreifendes System der waffenlosen Selbstverteidigung für die Polizei zu erstellen. Zwei Jahre später wurde Ju-Jutsu als Sportart für das Einsatztraining eingeführt.

Ju-Jutsu ist nicht zu verwechseln mit „Jiu Jitsu“. Der Grundgedanke komme zwar von der klassischen Kampfkunst, sagt Witte. Es werden nämlich – anders als bei Karate oder Judo – Techniken des Schlagens, Tretens, Werfens und des Bodenkampfes kombiniert. Doch im modernen Ju-Jutsu spielt die Abwehr von Angriffen mit Messer, Stock und Schusswaffe aus der Nahdistanz eine große Rolle, erklärt Witte. Trotzdem müsse man realistisch bleiben. Bei Attacken mit Messern und Schusswaffen sei größte Vorsicht geboten.

Anfang der 90er-Jahre habe ein „Sittlichkeitstäter“ in Wiesbaden ältere Frauen überfallen und eine ermordet, erinnert sich Manfred Tecl, der lange Direktor der Hessischen Polizeischule war, und dem Polizeisportverein seit Jahrzehnten als Präsident vorsteht. Nach den Angriffen habe es eine Welle von 75- bis 85-Jährigen gegeben, die mit dem Sport anfingen. Die Vorbereitung auf Gefahren fängt schon in den Trainingsgruppen der Kinder an. Verbrechensmeldungen aus Zeitungen werden angesprochen, erklärt Tecl. Es werde den Kleinen beigebracht, Fremde zu siezen, Abstand zu wahren. Das kommt an: Der Verein hat kein Nachwuchsproblem. Von den Kindern und Jugendlichen würden viele bei der Polizei landen, sagt Tecl.

Unabhängig von Behörde

Das Interesse, Nachwuchs zu finden, sei verständlich, sagt Adrian Gabriel, Referent für Innenpolitik bei der Fraktion der Linken im hessischen Landtag. Trotzdem müsse beachtet werden, dass die Polizei zur ausführenden Gewalt im Staat gehöre. Es müsse klar bleiben, wo Polizei aufhört und Gesellschaft anfängt.

Der Polizeisportverein in Wiesbaden ist nach eigenen Angaben unabhängig von der Polizei, aber „polizeinah“. Die zehn Abteilungen, darunter Fußball, Schach und Schwimmen, profitieren von der Nutzung der Polizei-Sportstätten. 1000 Sportler trainieren jede Woche, wie Präsident Tecl erklärt. Nur jeder zehnte sei Polizist. Heute schicken Eltern ihre Kinder hin, weil die „Seriosität im Namen mitklingt“, sagt Tecl.