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Frankfurt Rumänische Roma hausen unter erbärmlichen Bedingungen unweit des Hauptbahnhofs

Wieder Ungewissheit – Elendscamp geräumt

Archivartikel

Frankfurt.Langsam schiebt Luco Florin zwischen zwei Polizisten sein Fahrrad über das Firmengelände. Der Mann muss sich gegen den Lenker stemmen, denn der Anhänger ist schwer beladen – zusammengeschnürtes Bettzeug, zwei vollgestopfte Taschen, in die er seine Habe gepackt hat, ganz unten die zusammengerollte Matratze. Wochenlang hat der rumänische Roma zusammen mit Landleuten auf dem Firmengelände campiert. Sie lebten in Hütten aus Sperrholz, auf einer Laderampe errichtet, zwischen Bahngleisen und Brachgelände. Doch nun muss er weg, genau wie die anderen Bewohner.

Das Elendslager war nur ein paar hundert Meter entfernt vom Frankfurter Westhafen mit seinen hochpreisigen Apartmentgebäuden entstanden. Der Grundstückseigentümer erstattete schon bald nach dem Bau der ersten Hütten Anzeige wegen Hausfriedensbruchs und beantragte beim Amtsgericht einen Räumungstitel. Gestern war es nun so weit: Unterstützt von Polizei und Ordnungsamt wird das Gelände geräumt.

Bisher war meist von ungefähr 30 Bewohnern des Camps die Rede, der Gerichtsvollzieher traf am Morgen allerdings nur 14 Erwachsene und einen 17 Jahre alten Jugendlichen an. „Als die Polizei vor einigen Wochen die Daten ermittelte, waren es 23 Bewohner“, sagt eine Sprecherin des Frankfurter Sozialdezernats.

Zurück auf die Straße

Wie geht es nun weiter mit den Bewohnern? „Wir klären erst einmal, wer in Deutschland anspruchsberechtigt ist“, sagt Manuela Skotnik, Sprecherin des Frankfurter Sozialdezernats. Sie könnten erst einmal in einer Notunterkunft Aufnahme finden. Den anderen Bewohnern werde eine Fahrkarte in ihre Heimat angeboten. „Aber wenn der Bus erst in ein paar Tagen fährt, bringen wir sie auch bis dahin unter.“ Joachim Brenner, Geschäftsführer des Fördervereins Roma, beobachtet die Räumung kopfschüttelnd. „Das ist ein Paradebeispiel dafür, dass Ordnungspolitik Sozialpolitik ersetzt“, sagt er. „Die Situation wird so sein wie bei den anderen Räumungen zuvor: Die werden wieder auf der Straße sitzen, ohne Hilfe und ohne Versorgung.“

Denn einige der Bewohner hatten bereits in einem ähnlichen Camp auf einer nahe gelegenen Industriebrache gelebt, die im vergangenen Jahr geräumt worden war. Viele, die damals eine Rückfahrkarte nach Rumänien erhalten hatten, sind wieder zurück. Sie haben sich mit Gelegenheitsjobs über Wasser gehalten, Schrott oder Pfandflaschen gesammelt, auf der Straße gebettelt. Die Bedingungen im Camp, ohne Toiletten, fließendes Wasser oder Strom, mögen erbärmlich sein – doch vom Leben in Deutschland versprechen sich Menschen wie Florin dennoch mehr als von den Bedingungen in ihrer Heimat.

„Ein gewisser Weckruf“

Bisher sind solche „informellen Siedlungen“ aus den Großstädten Afrikas, Asiens oder Lateinamerikas bekannt. In den Favelas von Rio oder den Slums von Nairobi leben Hunderttausende, die aus den ländlichen Regionen in die Städte gezogen sind auf der Suche nach Arbeit und einem besseren Leben. In Deutschland dagegen sind solche Elendsquartiere bisher selten. In einer Stadt wie Frankfurt, wo schon Normalverdiener Probleme haben, eine bezahlbare Wohnung zu finden, hätte Florin keine Chance auf dem freien Wohnungsmarkt.

„Die Tatsache, dass Roma bereit sind, in Deutschland unter aus unserer Perspektive verheerenden Bedingungen zu leben, zeigt auch, unter welchen Bedingungen sie in ihren Heimatländern leben“, sagt Ulf Brunnbauer, wissenschaftlicher Direktor des Instituts für Ost- und Südosteuropastiftung in Regensburg.

„Das sollte ein gewisser Warn- oder Weckruf sein für die europäische Politik, verstärkte Bemühungen zur Integration der Roma im östlichen Europa zu unternehmen.“ Wenn sich die Lebenssituation der Roma in ihren Herkunftsländern verbessere, „führt das wahrscheinlich dazu, dass weniger von ihnen den Ausweg in der Auswanderung sehen“, sagt der Wissenschaftler.