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Energieerzeugung Planung und Bau einer Anlage dauert fast sechs Jahre / Statt Zuwachs droht in Baden-Württemberg Arbeitsplatzabbau

Windbranche klagt über Hemmnisse

Stuttgart.Die Zeit für Planung und Bau von Windrädern dauert in Baden-Württemberg immer länger. „Wir rechnen inzwischen mit 70 Monaten“, klagt Dirk Güsewell, der Leiter Erzeugung bei der Energie Baden-Württemberg. Die fast sechs Jahre im Durchschnitt seien „deutlich zu lang“ und im Ländervergleich „obere Kante“. Der Vorstandschef des Projektentwicklers Juwi, Michael Class, sendet einen dramatischen Appell: „Die Politik sollte schnell die zahlreichen Genehmigungshemmnisse beseitigen.“ Für den dringend notwendigen Ausbau der Windkraft sei es eigentlich schon 5 nach 12.

EnBW und Juwi gehören zu den Sponsoren einer am Mittwoch vorgestellten Studie zur wirtschaftlichen Bedeutung der Windkraftbranche in Baden-Württemberg. Das Marktforschungsinstitut wind:research summiert die Wertschöpfung auf 3,4 Milliarden Euro im Jahr. Die 250 Unternehmen, Forschungsinstitute und Dienstleister würden 12 000 hochwertige Arbeitsplätze bieten. Studienleiter Dirk Briese sieht das Erreichte in Gefahr. Bleibe es beim derzeitigen Ausbautempo, sinke in den nächsten Jahren der Umsatz in der Branche um 40 Prozent. 2000 Stellen seien vom Abbau bedroht. Zudem gefährde das Land seine klimapolitischen Ziele.

Ausbauziele seit Jahren verfehlt

Briese erinnert daran, dass die grün geführte Landesregierung mit dem Ziel angetreten war, jährlich Windräder mit einer Leistung von 400 Megawatt neu ans Netz zu bringen. Diese Zahl sei nur in den Jahren 2016 und 2017 annähernd erreicht worden. Schon 2018 sank der Zubau auf weniger als 100 Megawatt, und 2019 schrumpfte die Zahl nach Angaben des Umweltministeriums auf nur noch 16 Megawatt.

Ein ganzes Bündel an Ursachen macht EnBW-Mann Güsewell für den Rückgang aus. Die Ausweisung geeigneter Flächen bleibe hinter den Notwendigkeiten zurück, dazu kämen die langen Vorlaufzeiten und der Widerstand vor Ort. Fast überall gebe es eine Gegnerinitiative, obwohl die Bevölkerung insgesamt die Windkraft positiv einschätze.

Was Güsewell nicht erwähnt: Seitdem der Bund die Kapazitäten ausschreibt, bekommen Investoren aus Baden-Württemberg so gut wie keinen Zuschlag mehr, weil andere Länder wirtschaftlich günstigere Standorte anbieten. „Darunter leiden wir bis heute“, sagte Umweltminister Franz Untersteller kürzlich zu der für einen Grünen wenig schmeichelhaften Entwicklung. Er hofft, dass die Bundesregierung diesen Fehler mit einem „Süd-Bonus“ oder einer „Süd-Quote“ für Windkraft-Ausschreibungen bald korrigiert.

Class, dessen in Rheinland-Pfalz ansässige Juwi eine Tochter des Mannheimer Energieunternehmens MVV ist, will die schweigende Mehrheit der Bevölkerung mobilisieren, um mehr Druck pro Windkraft zu erzeugen. „Wir müssen es schaffen, dass sich die Industriefirmen unserer Branche klarer zur Windkraft bekennen“, betont er. Derzeit würden manche Projekte im Kampf zwischen Gegnern und Befürworten zerrieben.

Briese hat in der Studie auch die Chancen der Windkraft in Baden-Württemberg untersucht. Das mittlere Szenario geht davon aus, dass die Bundesregierung die aktuellen Ausbauhemmnisse beseitigt und so die Voraussetzungen schafft, um 2030 wie geplant 65 Prozent der Energie aus erneuerbaren Quellen zu erzeugen. Das würde bei den Herstellern von Windanlagen in Baden-Württemberg 2000 Vollzeitarbeitsplätze schaffen und die Umsätze um 13 Prozent steigen lassen. Dafür müsste aber der Klimaschutz über den Artenschutz gestellt werden, heißt es in der Studie. Nötig wären auch größere Anlagen. Bei einer optimistischen Entwicklung mit nochmals verschärften Klimaschutzzielen werden schnellere Genehmigungsverfahren unterstellt und eine „Reduzierung der Artenschutzauflagen auf ein Minimum“.

Die Windlobby will die neue Studie in den beginnenden Landtagswahlkampf einbringen. Erhard Schulz vom Landesverband Windenergie kündigt bei der Vorstellung an: „Wir stellen sie unseren Aktiven zur Verfügung.“ Der Verband will die Genehmigungshemmnisse aufzeigen. Schulz: „Das sind oft nur vorgeschobene Argumente etwa zum Schutz des Auerhahns.“

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