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Interview Elternvertreter Mittelstaedt setzt auf kleinere Klassen / Luftfilter und Trennwände zum Schutz der Schüler vor Corona-Ansteckung

„Wir brauchen mehr Lehrer“

Archivartikel

Stuttgart.Als Konsequenz aus der Corona-Krise forderte der Vorsitzende des Landeselternbeirats Baden-Württemberg, Michael Mittelstaedt, mehr Lehrer. Im Interview sagt er: „Mit kleineren Klassen ergibt sich eine viel bessere Unterrichtsqualität.“ Bildung koste Geld.

Haben Sie schon Rückmeldungen erhalten, wie der Neustart der Schulen nach den Herbstferien gelaufen ist?

Michael Mittelstaedt: Nach den Ferien ist vor den Ferien. Es hat sich nicht so viel verändert. An manchen Schulen ist die Lage sogar etwas entspannter. Im Moment höre ich aber unwahrscheinlich viele Klagen über die Flut von Verordnungen und Erklärungen. Keiner versteht mehr, welche Regeln gelten. Wer darf sich wann unter welchen Bedingungen treffen? Wie sind Elternabende unter der Pandemiestufe 3 möglich?

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Zu Beginn des Schuljahres gab es viele Bedenken über den Präsenzunterricht. War es dann so schlimm?

Mittelstaedt: Wir waren für die Zeit nach den Ferien von einer wesentlich höheren Infektionszahl ausgegangen, als sie tatsächlich war. Profitiert haben wir sicher davon, dass es noch lang schönes Wetter war. Trotzdem ist an vielen Schulen einiges vorgefallen. Es wurden etliche Klassen geschlossen und Schüler nach Hause geschickt. Für uns alle ist die Frage noch offen, wie stark Kinder am Infektionsgeschehen beteiligt sind. Die Heidelberger Kinderstudie hat das ja nicht geklärt. In Bayern gibt es da jetzt eine Untersuchung, die Zweifel an der bisherigen Risikoeinschätzung weckt. Es könnte durchaus sein, dass nicht die Eltern die Kinder infizieren, sondern umgekehrt die Kinder die Eltern. Davon hängt jedoch ab, wie man Schule gestaltet. Wir müssen uns da was überlegen, weil das wahrscheinlich nicht der letzte Winter ist, den wir mit Corona verbringen.

Wie ist stabiler Präsenzunterricht unter Pandemiebedingungen möglich?

Mittelstaedt: Wenn wir von zwei Wintern ausgehen, ist es naiv, alle 20 Minuten die Fenster aufzureißen. Das ist ein Notbehelf, der nichts mit einer geregelten Vorgehensweise zu tun hat. Dann sind Raumluftreiniger notwendig und Trennwände zwischen den Schülern. Ich möchte ja auch nicht permanent an meinem Arbeitsplatz einen Lappen vor dem Gesicht haben.

Welche Fehler hat Ihrer Ansicht nach Ministerin Eisenmann gemacht?

Mittelstaedt: Das ist eine ganz, ganz schwierige Frage. Für die grundsätzlichen Strukturen ist nicht Frau Eisenmann alleine verantwortlich. Da haben ihre Vorgänger genauso ihren Anteil. Die großen Lücken in der Lehrerversorgung gibt es seit Jahren. Es muss Schluss sein mit dem alten Pingpong-Spiel zwischen Gemeinden und Kreisen, Land und Bund. Wenn die Kassen der Kommunen leer sind, hilft es nichts, wenn sich die Kultusministerin mit Hinweis auf die Rechtslage zurücklehnt. Mir sagt man dort, für die Beschaffung von Luftfilteranlagen sei der Schulträger verantwortlich, also die Gemeinde.

Das gilt auch für die digitale Ausstattung der Schulen…

Mittelstaedt: . . . und da ist Baden-Württemberg richtig schlecht aufgestellt, weil das Land kein homogenes Konzept hat. Darauf hat das Kultusministerium Einfluss. Vom Geld, das der Bund zuletzt für die Digitalisierung verteilte, hat jeder etwas anderes bestellt. Manche Laptops, andere Tablets oder Beamer. Manchmal wurde die Software vergessen. Das kann doch niemand betreuen.

Für die Eltern hat die stabile Betreuungsfunktion der Schule laut Umfrage der Tageszeitung höchste Bedeutung. Ist nicht guter Unterricht die Kernaufgabe?

Mittelstaedt: Eltern können doch nicht einfach ihren Job ein halbes Jahr an den Nagel hängen, um ihre Kinder zu betreuen. Ich verstehe die Mütter und Väter, die sagen, dass Schule primär außer Haus stattfinden muss. Eine Notlage von ein, zwei Wochen ist nicht das Problem.

Zum Schluss noch ein Blick über die Krise hinaus: Wie schafft Baden-Württemberg wieder bessere Schülerleistungen?

Mittelstaedt: Wir müssen schnell davon wegkommen, für alle bildungspolitischen Aufgaben eine eigene Lösung präsentieren zu wollen. Bei den Lernmanagementprogrammen zum Beispiel übernimmt man keine Lösung, die funktioniert. Das ist Geld und Zeit rausgeschmissen und geht zu Lasten der Schulen. Man muss nicht immer das Rad neu erfinden. Die Krise hat uns erneut vor Augen geführt, dass der Klassenteiler gesenkt werden muss und man mehr Lehrer braucht. Mit kleineren Klassen ergibt sich eine viel bessere Unterrichtsqualität. Bildung kostet halt Geld. Im internationalen Vergleich ist das deutsche Bildungssystem nicht mehr so prickelnd. Da täte Baden-Württemberg gut daran, als Vorreiter mehr Geld zu investieren. Wir müssen uns bewusst sein, dass Corona nicht die letzte Pandemie gewesen sein wird.

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