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Interview Hessens Kultusminister Alexander Lorz spricht über den islamischen Religionsunterricht

„Wir geben Ditib ein Jahr Zeit“

Archivartikel

Wiesbaden.Hätte Kultusminister Alexander Lorz (CDU) die Wahl, er würde wahrscheinlich heute kaum wieder den staatsnahen türkischen Ditib-Verband als Partner für den Islam-Unterricht an hessischen Schulen auswählen. Doch die entsprechende Vereinbarung haben seine Vorgänger zu einer Zeit getroffen, als der autoritäre Kurs von Präsident Recep Tayyip Erdogan nach dem Putschversuch in Ankara noch längst nicht absehbar war, und der Religionsunterricht läuft mittlerweile seit fünf Jahren recht problemlos. Gleichwohl lässt die Landesregierung derzeit prüfen, ob Ditib auch heute noch als Partner tragbar ist. Für Lorz steht nur eines fest: An dem islamischen Religionsunterricht, sei es mit oder ohne Ditib, will das Land auf jeden Fall festhalten.

Sollte es die Zusammenarbeit mit dem türkischen Islamverband tatsächlich aufkündigen, könnte der Unterricht dann allerdings nicht mehr bekenntnisorientiert laufen wie bisher, sagte Lorz im Gespräch mit dieser Zeitung. Denn einen anderen potenziellen Partner, der für Ditib einspringen könnte, gebe es nicht. Bekenntnisorientiert, also in Zusammenarbeit mit der entsprechenden Religionsgemeinschaft ähnlich wie beim evangelischen oder katholischen Religionsunterricht könnte er dann nur für den kleinen Kreis der Schüler weiterlaufen, die den mit der Ahmadiyya-Gemeinde als zweitem Partner gestalteten Unterricht besuchen. Lorz sagte, die Landesregierung betrachte Berichte, dass die türkischen Militäreinsätze in Syrien in Ditib-Moscheen auf deutschem Boden verherrlicht würden, mit großer Sorge. Allerdings richteten sich diese Vorwürfe gegen Imame aus der Türkei in den Moscheen und nicht gegen die in den Schulen für islamischen Religionsunterricht eingesetzten Lehrkräfte des Landes Hessen. „Deshalb halten wir das vereinbarte Verfahren ein und geben Ditib ein Jahr Zeit, um die Unabhängigkeit des Landesverbands Hessen von Ankara sicherzustellen. Ende des Jahres wird dann Bilanz gezogen, ob das wirklich erfolgt ist. Andernfalls werden wir die notwendigen Konsequenzen ziehen“, sagte der Minister in dem Interview.

Zusätzliche Vollzeitstellen

Eine Abschaffung des islamischen Religionsunterricht für muslimische Schüler stehe aber auch für diesen Fall nicht zur Debatte. „Das würde ja bedeuten, dass ihre religiöse Unterweisung dann ausschließlich in Moscheen oder Koranschulen erfolgte, wo wir gar keinen Einfluss haben. Deshalb wollen wir islamischen Religionsunterricht auf jeden Fall weiter anbieten, auch wenn er mangels Kooperationspartner dann nicht mehr bekenntnisorientiert wäre“, fügte der hessische Kultusminister hinzu. Prinzipiell aber hält Lorz den bekenntnisorientierten Unterricht, etwa in katholischer und evangelischer Religion, für nach wie vor sehr zukunftsträchtig. „Wir arbeiten mit den christlichen Kirchen sehr gut zusammen“, lobte er. Der Minister versicherte, die Landesregierung erkenne die zusätzliche Belastung der Lehrkräfte durch Inklusion und die Integration von Flüchtlingen in den Schulen an.

Sie versuche, dem vor allem mit zusätzlichen Lehrerstellen Rechnung zu tragen. Allein für Sprachunterricht, Inklusion und Ganztagsschulen stünden in Hessen jetzt zusammen 7500 zusätzliche Vollzeitstellen zur Verfügung. Hinzu kämen in diesem Jahr 700 Stellen an sozialpädagogischen Fachkräften für die Schulen. „Und auch das wird nicht das Ende des Weges sein, wir bauen das sukzessive auf und sind uns der Dimension der Herausforderungen bewusst“, sagte Lorz. Nach seinen Angaben sind inzwischen landesweit mehr als 21 000 Schüler mit Migrationshintergrund von reinen Deutsch-Förderkursen in reguläre Schulklassen gewechselt.

Zum neuen Lehrplan Sexualkunde, gegen den Fundamentalisten in Wiesbaden demonstriert hatten, liegen dem Kultusministerium Lorz zufolge gar keine Beschwerden aus Hessen vor. Es gebe nur eine orchestrierte Aktion aus anderen Bundesländern gegen die darin enthaltene Akzeptanz von Homosexualität.