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Bildung Zum neuen Schuljahr bleiben landesweit 700 Lehrerstellen unbesetzt / Kultusministerin Eisenmann kritisiert Flexibilität

„Wir haben Handlungsbedarf“

Archivartikel

Stuttgart.Auch im neuen Schuljahr 2018/19 müssen sich Lehrer, Schüler und Eltern landesweit auf eine angespannte Situation und drohende Unterrichtsausfälle einstellen. Wenn am kommenden Montag die Schule beginnt, bleiben 700 Lehrerstellen im Land unbesetzt. Der größte Mangel herrscht an den Grundschulen: Dort gibt es für 1650 freie Stellen nur 1280 Lehrer. In der Praxis könnte das in einigen Fällen zu größeren Klassen an Grundschulen führen.

Besonders angespannt ist die Lage an den Grundschulen im ländlichen Raum, etwa in den Landkreisen Rottweil, Schwarzwald-Baar oder Tuttlingen. Aber auch im Großraum Stuttgart fehlen zunehmend Grundschullehrer. Erstmals sind auch an den Haupt- und Werkrealschulen zu Schuljahresbeginn noch 30 Lehrerstellen nicht besetzt. Insgesamt war zum neuen Schuljahr an allen öffentlichen allgemeinbildenden und beruflichen Schulen die Rekordzahl von 5700 unbefristeten Lehrerstellen zu besetzen, allein 4100 davon wurden durch Pensionierungen frei. 600 weitere Stellen davon konnten schon im vergangenen Schuljahr nicht besetzt werden.

Mehr Stellen gefordert

Diese Zahlen hat Kultusministerin Susanne Eisenmann (CDU) gestern in Stuttgart bekanntgegeben. „Wir haben Handlungsbedarf, aber in Baden-Württemberg gibt es keinen Bildungsnotstand“, sagt sie. Der Pflichtunterricht sei gewährleistet. Für die angespannte Personalsituation machte die Kultusministerin Planungsfehler bei der Lehrerausbildung in den Jahren 2012 und 2013 verantwortlich – damals war mit Andreas Stoch ein SPD-Kultusminister im Amt. „Diese Entwicklung war damals bereits absehbar, man hätte die Ausbildungskapazitäten an den Hochschulen erhöhen müssen“, sagte Eisenmann. Pauschale Forderungen von Bildungsverbänden und -gewerkschaften nach mehr Lehrerstellen wies sie zurück: „Ich nehme sehr gerne konstruktive Vorschläge entgegen, wie wir die Stellen besetzen können. Aber was bringen noch mehr Stellen, die wir gar nicht besetzt bekommen?“, so Eisenmann.

Ohne die Auswirkungen des im vergangenen Jahr vom Kultusministerium eingeleiteten Maßnahmenpakets zur Gewinnung von zusätzlichen Lehrkräften würde sich die Situation aus Eisenmanns Sicht noch weit schlimmer darstellen. So werden zum neuen Schuljahr 200 Gymnasiallehrer an Grundschulen vor die Klassen treten, die ein entsprechendes Angebot des Kultusministeriums angenommen haben. Auch andere Maßnahmen – weniger Teilzeit-Genehmigungen, Versetzungen in Mangelgebiete oder das Engagement pensionierter Lehrkräfte – würden Wirkung zeigen.

Erneut kritisierte die Kultusministerin jedoch die fehlende Flexibilität von fertig ausgebildeten Grundschullehrern, die lieber nur befristet oder gar nicht in ihrem erlernten Beruf arbeiten würden, als etwa von Karlsruhe oder Freiburg für eine unbefristete Stelle nach Lörrach oder Tuttlingen umzuziehen. „Das geografische Beharrungsvermögen von Junglehrern ist erstaunlich“, so Eisenmann.

Qualität spielt wichtige Rolle

Erstmals kooperiert das Kultusministerium daher nun mit den Arbeitsagenturen, um arbeitslos gemeldeten Lehrern ein gezieltes „zumutbares Angebot“ machen zu können – wer ablehnt, riskiert seine Transferleistungen. Als zumutbar gilt dabei die Entfernung von bis zu 50 Kilometern und eine tägliche Fahrtzeit von 2,5 Stunden. Zahlen darüber, wie viele arbeitslos gemeldete Lehrer betroffen sein könnten, gibt es aber noch nicht. „Wir könnten alle 700 offenen Stellen besetzen, wenn mehr persönliche Flexibilität der Betroffenen da wäre“, sagte Eisenmann.

An einem Grundpfeiler im Südwesten will die Kultusministerin jedoch trotz Mangels festhalten: „Anders als andere Bundesländer werden wir nur ausreichend qualifizierte Kräfte als Lehrer einstellen.“ Davon abzulassen, hält Eisenmann für einen großen Fehler. „Das machen wir nicht“, sagte sie. Und auch das Prinzip „Kurze Beine, kurze Wege“ – also die leichte Erreichbarkeit einer Grundschule vor Ort – steht für Eisenmann nicht zur Disposition, obwohl mittlerweile landesweit 850 Grundschulen weniger als 100 Schüler haben.