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Freizeit Kunst, Kommerz oder einfach nur Spaß – Curioseum in Willingen lockt mit ungewöhnlichen Ausstellungsstücken

„Wundertüte unter den Museen“

Archivartikel

Willingen.Ein alter Mercedes 300 SL Flügeltürer aus Jamaika, angeblich aus Holzlatten von Bierkästen gezimmert, in Originalgröße – in jedem normalen Museum wäre das wohl mit Abstand das merkwürdigste Ausstellungsstück. Doch im nordhessischen Curioseum mutet das Holzauto fast normal an. Hier zwischen kiffenden Aliens, absurd kleinen Autos und Schaukästen mit menschlichen Zähnen ist der Name Programm: Auf 2500 Quadratmetern Ausstellungsfläche sind so viele kuriose Ausstellungsstücke versammelt, dass selbst Inhaber Reiner Mütze sie nicht alle kennt.

Der 51-Jährige ist der Schwiegersohn des Gründers Hans Schlömer. Schlömer war Gastronom in dem kleinen, bekannten Ski- und Partyort an der Grenze zu Nordrhein-Westfalen. Jahrzehntelang sammelte er die verschiedenste Dinge, bis die angemieteten Scheunen und Garagen zu eng wurden. Nach einem Umbau eines Bauernhofs zur Ausstellungshalle war 2008 das Curioseum geboren.

Früher habe er Scherze gemacht, was „mein Schwiegervater für ein Messie“ war, sagt Mütze. Heute führt er nicht nur das Museum weiter, sondern ist selbst Sammler geworden. „Das färbt ab“, sagt er. Eine seiner jüngsten Anschaffungen ist ein Kampfflugzeug, ein Starfighter, der nun vor dem Gebäude steht. „Ich habe den zufällig auf einem Werksgelände gesehen“, erzählt Mütze. Auf viele Sammlungsstücke stoße man zufällig. Für andere fahre er gezielt Flohmärkte ab. Und manchmal liegen die Exponate auch einfach vor der Tür: Oft stellten Leute alte Dinge vor dem Museum ab. „Irgendwann hast du dann 50 Nähmaschinen“, sagt Mütze.

Keinen pädagogischen Anspruch

Im Curioseum trifft Wertvolles auf Ramsch, Belangloses auf Dokumente der Zeitgeschichte und Popkultur ist allgegenwärtig. Die Sammlung ist wild, erklärt wird wenig. Eine Figur des Außerirdischen E.T. sitzt in einem alten Feuerwehrauto für Kinder, auf einem historischen Fahrzeug für Kriegsversehrte liegt eine Prothese. Dazwischen immer wieder Verweise auf die etablierte Kunst, wie der riesige Phallus, an den ein Heft über die Kunstausstellung documenta 8 genagelt ist.

Ein Museum im klassischen Sinn ist das Curioseum nicht. „Jeder, der etwas sammelt, kann sich Museum nennen“, erklärt der Hessische Museumsverband. Denn der Begriff ist nicht geschützt. Als Mindestanforderungen an Museen nennt der Verband unter anderem eine Bestandsaufnahme des Inventars, regelmäßige Öffnungszeiten und eine „systematische Bildungsarbeit, bei der didaktische und pädagogische Grunderfordernisse beachtet werden“.

Das Curioseum hat keinen pädagogischen Anspruch und will nichts vermitteln. Wichtig ist Mütze etwas anderes: „Menschen jeder Altersklasse gehen hier durch und entdecken etwas, indem sie sich selbst wiederfinden.“ Das stimmt: Es ist unmöglich nicht auf Gegenstände zu stoßen, mit denen eigene Erinnerungen verbunden sind. Doch es ist nicht nur Nostalgie, die die Sammlung wertvoll macht. Hinter manchen Ausstellungsstücken verbergen sich auch finanzielle Werte: Oldtimer wie ein Jaguar E Type von 1969 sind zu sehen, ebenso wie eine Corvette der US-Highway-Patrol.

Gründer mit Sammelleidenschaft

Die Besucher des Curioseums sind so unterschiedlich wie die Ausstellungsstücke. So stehen an diesem Morgen ein paar Harley-Davidson-Motorräder vor dem Museum, während die Rocker andächtig durch die Ausstellung streifen.

Auch Urlauber zieht es oft ins Curioseum: Rainer Eberling und seine Frau aus Rheinland-Pfalz machen seit vielen Jahrzehnten Urlaub in Willingen. Im Curioseum sind sie heute zum ersten Mal. Sie kannten den Gründer Schlömer. Trotzdem überrascht sie das Ausmaß seiner Sammelleidenschaft: „Wir hätten nicht gedacht, dass es so viel ist.“

Dass Schlömer gerne seine Besucher in die Irre führt, ist auch heute noch zu spüren: „Versteh mich oder leck mich“ steht auf einem der vielen Schilder. Als Zitatgeber wird Konfuzius genannt – übersetzt von Museumsgründer Hans Schlömer. lhe