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Gesundheitsreport Behandlungsfälle steigen leicht an / Kinder- und Jugendpsychiater fordern mehr stationäre Behandlungskapazitäten

Zwei Prozent der Schüler haben eine Depression

Archivartikel

Stuttgart.Es sind die „leisen Leiden“, aber sie sind unter jungen Leuten weit verbreitet und gelten noch immer als Taubthema. Wenn sich Schulkinder immer weiter zurückziehen, traurig am Rande des Pausenhofs stehen oder es gar nicht mehr in die Schule schaffen, stellen Ärzte immer öfter die Diagnose Depression. Knapp zwei Prozent aller Kinder in Baden-Württemberg zwischen zehn und 17 Jahren sind betroffen. „Bei Kindern gibt es so viele psychische Erkrankungen wie bei Erwachsenen“, sagte der Stuttgarter Kinder- und Jugendpsychiater Michael Günter.

Die neue Studie zu Depressionen und Ängsten von Kindern und Jugendlichen im Südwesten stammt aus den Abrechnungsdaten von 90 000 Patienten der Krankenkasse DAK, die am Montag vorgestellt wurde. „Die betroffenen Kinder leiden lange für sich im Stillen, bevor sie sich jemand anvertrauen und eine passende Diagnose bekommen“, erläuterte DAK-Landesleiter Siegfried Euerle. Auf das Land hochgerechnet hätten 16 600 Schulkinder im Alter zwischen zehn und 17 eine Depression. Im Vergleich zum Vorjahr ist die Fallzahl der Erkrankten leicht um fünf Prozent gestiegen. Günter geht aber davon aus, dass die Zunahme die Folge einer größeren Sensibilität ist. „Man sieht keine wirkliche Belastungszunahme“, betonte er.

Noch etwas höher ist die Zahl der Kinder bis zu 17 Jahren mit einer Angststörung. Studienleiter Julian Witte rechnet die Versichertendaten der DAK auf landesweit 19 300 Fälle hoch. Bei den krankhaften Ängsten hat sich im Vergleich zum Vorjahr ein leichter Rückgang ergeben. Betroffen sind davon auch jüngere Kinder, während Depressionen verstärkt erst bei über Zehnjährigen auftreten. Am stärksten betroffen sind 16- und 17-jährige Mädchen.

Mediziner Günter forderte einen weiteren Ausbau der stationären Behandlungskapazitäten. Da sei Baden-Württemberg zusammen mit Bayern Schlusslicht. „Wir haben eine deutliche Unterversorgung“, betonte er. In den Stuttgarter Kliniken müssten psychisch kranke Kinder ein halbes Jahr auf einen Platz warten. Mannheim sei die einzige Stadt im Südwesten mit einer Überversorgung.

Dagegen verwies Sozialminister Manfred Lucha (Grüne) auf den Ausbau in den vergangenen Jahren. In den Kinder- und Jugendpsychiatrien stünden 670 vollstationäre Plätze zur Verfügung und 390 in Tageskliniken. „Wenn Kinder als Notfall aufgenommen werden müssen, gibt es keine Wartezeiten“, so Lucha. DAK-Vertreter Euerle sagte, dass bei den niedergelassenen Kinder- und Jugendpsychiatern regional nicht alle Praxen besetzt werden könnten.

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