Leserbrief

2015 war eine Sternstunde der Menschlichkeit in Deutschland

Zum Artikel „AKK hofft auf „Koalition der Willigen“ vom 9. März:

Man schämt sich für Europa. Seit vielen Jahren herrschen in den Flüchtlingslagern auf den griechischen Inseln katastrophale, menschenunwürdige Zustände. Die Medien veröffentlichen unerträgliche Bilder. Die Hilfsorganisationen verzweifeln. Aber in der europäischen Politik tut sich nichts.

Auf dem Kontinent, der die wichtigsten geschichtlichen Beiträge zu den Menschenrechten und der Menschenwürde geleistet hat, gerade auch in Griechenland, denkt kaum ein Politiker an konkrete Maßnahmen zur Linderung der Not. Viele lassen sich beeinflussen von der realen oder behaupteten Angst der Bürger vor weiteren Flüchtlingen. In Deutschland wird sie geschürt von der AfD, aber auch von den sogenannten konservativen Kreisen in CDU und CSU.

Jetzt wurde von der GroKo gegen Widerstand aus den Unionsparteien eine Initiative zugunsten von Flüchtlingskindern gestartet. Halbherzig und hartherzig. Nur im Zusammenwirken mit „willigen“ anderen europäischen Ländern, nur für kranke oder unbegleitete Kinder, nur für solche bis 14, nur maximal 1500. Man hofft, dass es wenigstens dazu kommt, was nicht sicher ist. Aber es ist erbärmlich.

Vor Kurzem beantragten die Grünen die Aufnahme von 5000 Kindern und selbst Seehofer griff die Zahl auf. Der Antrag wurde abgelehnt. Das Mantra, die Gebetsformel, eher Beschwörungsformel, die alle die Flüchtlinge betreffenden Diskurse bei uns beherrscht, lautet: 2015 darf sich nicht wiederholen. Tatsächlich war damals für einige Wochen die Kontrolle über Zureisende an den Grenzen inexistent. Ob man diese unter dem Zeitdruck der Not, aus der die Menschen kamen, rechtzeitig hätte sicherstellen können, wird objektiv eine sehr schwierige Fragestellung bleiben.

Wichtiger ist die noble, menschenwürdige, ja liebevolle Art und Weise, wie die Deutschen damals auf diesen Ansturm von „Fremden“ reagierten. Die Empfangsszenen am Münchener Hauptbahnhof bleiben unvergesslich. Die weit verbreitete, kreative Hilfsbereitschaft in diesem Land, von offiziellen Stellen, aber auch unzähligen privaten Gruppierungen und Personen nicht minder. Auch jetzt wieder bieten viele Städte, Kommunen und Länder ihre Hilfe an. Sie können sich auch auf eindrucksvolle Erfolge in der Integration der damals Gekommenen beziehen. Das obige Mantra ist falsch. 2015 war eine Sternstunde der Menschlichkeit in Deutschland.

Manfred K. Nagler, Mannheim

Zum Thema