Leserbrief

Özil-Rücktritt: Das sagen Leser dieser Zeitung zum Beitrag von Jagoda Marinic

Der Rücktritt von Mesut Özil beschäftigt auch die Leser des Mannheimer Morgen. Hier einige Leserbriefe, die sich auf die "MM"-Berichterstattung beziehen.

Zum Artikel „Ist es, weil ich Muslim bin?“ vom 24. Juli:

Da sich auch Ihre Zeitung parteiergreifend in die Özil-Debatte einmischt, ist eine Klarstellung angezeigt: Es geht eben nicht um Migration oder Immigration, nicht einmal um schlechten Fußball, sondern um die Einstellung, die Özil zeigt.

So jedenfalls empfinden wohl viele Deutsche, denen nun wieder pauschal Fremdenfeindlichkeit unterstellt wird. Grottenschlecht war die deutsche Mannschaft durchgehend und niemand, der noch bei fußballerischem Verstand ist, hätte dies an Migranten festmachen wollen. Erst das weggeleugnete und verharmlosende Foto und die Verständnisbekundungen für die Parteinahme aufseiten Erdogans zeigten im Nachhinein dann die unterschätzte Sprengwirkung.

Und Özil setzt nun sogar noch einen drauf, wenn er auch noch Rassismus als Grund angibt. Damit lenkt er offenbar für viele erfolgreich von seiner eigenen Rolle ab. Wenn in diesem Themenkreis, den man nicht als Muster für eine gescheiterte Integrationspolitik ansehen muss und auch nicht so ausschlachten sollte, etwas vonnöten ist, dann mehr Ehrlichkeit. Es geht um das Foto mit einem Diktator, das Özil nach langem Schweigen nun mit einem „Ich würde es wieder tun“ noch einmal aufheizt. Das war die Duftmarke, die offenbar vielen Deutschen übel in die Nase stieg.

Schon seit Jahren fanden es viele Fußballanhänger merkwürdig, dass Özil demonstrativ nicht einmal die Lippen bewegte, wenn er im Trikot der deutschen Nationalmannschaft auf dem Feld stand. Er stand da nicht als Filialleiter eines Supermarktes, sondern in einem nationalen – deutschen – Rahmen. Sein Verhalten zeigte auch Türken, wie man Integration letztlich doch verweigern beziehungsweise als letztlich überflüssig ansehen kann.

Vergleich neben der Sache

Die ganze Geschichte mit vorher und nachher zeigt einfach, dass er sich durchaus und durchgehend, wie anscheinend die meisten seiner Landsleute, immer noch als Türke fühlt. Da ändert sein in Deutschland Geboren- und Aufgewachsensein eben nichts. Mit Fußball konnte man in Deutschland eben gut und bestens Geld verdienen.

Diese grundlegende türkisch-nationalistische Einstellung von vielen Türken zeigte sich eben auch in der Erdogan-Wahl. Wie können Türken, die in Deutschland in Freiheit leben, einen Diktator wählen, der Tausende mit absurden Beschuldigungen arbeitslos gemacht und ins Gefängnis gebracht hat – und immer noch bringt? Dort muss man den Spaltpilz suchen und nicht in nervigem Ballgeschiebe.

Özils Auftritt mit dem der Bundesregierung zu vergleichen, wie es krönend in dem Artikel eingeworfen wird, da diese, aus welchen Gründen auch immer, mit Erdogan Abkommen abschließt, liegt völlig neben der Sache. Bei Özil erfolgte die Wahlkampfhilfe durchaus freiwillig. Das kann er im Rahmen der Meinungsfreiheit in Deutschland tun – aber damit ist er eben kein „fußballerischer“ Repräsentant eines liberalen oder demokratischen Deutschlands. Das Gleiche würde ich auch schreiben, wenn sich ein Müller, Kimmich oder Reus für ein werbendes Foto mit Erdogan zur Verfügung gestellt hätten.

Niemand sollte seine Herkunft verleugnen müssen, wenn er in einem anderen Land lebt. Wenn man dies aber sogar freiwillig tut, sollte man eben schon wissen, warum man dieses und nicht das Herkunftsland gewählt hat. Auch ein Land hat Respekt mit seiner Kultur verdient und seine Menschen auch die Empathie, mit der sie anderen begegnen – auch beim Fußball. Das sollten auch Migranten und Immigranten, Flüchtlinge und Asylsuchende eben nicht gänzlich vergessen.

Roland Weber, Mannheim

Herr Özil scheint ein ausgeprägtes Opfer-Gen zu besitzen, wobei er vergisst und unterschlägt, dass er auf seinem Weg zum Erfolg viele Nichtmuslime als Unterstützer und Helfer hatte. Aus dem Fall Özil jetzt ein Staatsproblem zu machen, entspricht der deutschen Mentalität und füllt das Sommerloch. Wie so oft, wenn türkischen Bürgern in Deutschland etwas zustößt, wird sofort von Fremdenhass und Integrationsproblemen geredet. Da wird nicht mehr differenziert, nur noch verurteilt und von der Türkei aus weiter angeheizt.

Integration bedeutet doch nicht, aus einem Türken einen waschechten Deutschen zu machen, Gott bewahre, sondern dass er unsere Gesetze achtet und Sitten respektiert, nicht mehr und nicht weniger. Bei Frau Marinic hat man das Gefühl, dass sie sich über den Fall Özil freut, um uns Deutschen mal richtig die Meinung zu schreiben. Vielleicht sieht sie darin die Vorlage für ein neues Buch. Worin sie sich aber auch mal die Frage stellen sollte, warum solche Probleme verstärkt bei türkischen Mitbürgern und nicht bei Italienern, Spanier, Franzosen, Kroaten und so weiter auftreten?

Karlheinz Weingärtner, Ludwigshafen

Das Scheitern von Integration an einer prominenten Person festzumachen, ist wirklichkeitsfremd. Tatsache ist, dass der Fußballspieler Özil im Auftrag und in der Arbeitskleidung des DFB für Deutschland gekickt hat. Mehr nicht. Es war ihm weder abverlangt worden, anderswo die „Deutsche Leitkultur“ zu propagieren, noch das hohe Lied auf „Einigkeit und Recht und Freiheit für das deutsche Vaterland“ zu singen. Özils Wurzeln sind und bleiben türkisch.

Dass er sich mit dem türkischen Präsidenten Erdogan getroffen hat, ist ja auch nicht weiter schlimm. Laut Özil war es ja nur eine Begegnung des „Respektes“. Allerdings stellt sich die Frage, warum er bei so viel Respekt vor seinem, in unserem Land so umstrittenen Präsidenten nicht für den auch kicken will? Weil das schnöde Alemania wahrscheinlich immer noch mehr zu bieten hat als das gegenwärtige „Paradies“ in der Türkei.

Dass sich die öffentliche Kritik an Özil ausschließlich auf dessen Hofknicks vor dem Despoten Erdogan bezieht und überhaupt nichts mit Rassismus oder Islamfeindlichkeit zu tun hat, das wird diesem Fußballstar nie einleuchten. Mit seinem „Rassismusvorwurf“ hat er allerdings gezeigt, wie nah er seinem „Wurzelstaat-Präsidenten“ ist, wie ergeben er in dessen Propaganda-Horn bläst. Da hat Özil wertvolle Punkte bei seinem Präsidenten gesammelt und bei uns verloren.

Würde die Presse mitspielen, dann könnte die „Integrationsdebatte“ – speziell über das Scheitern von Integration – schnell beendet werden, nämlich durch Berichte über erfolgreiche türkische Mitbürger, die in Handel, Wirtschaft und Industrie nicht zuletzt auch als Akademiker in Wissenschaft, Technik und Medizin in unserem Land und für unser Land wertvolle Arbeit leisten. Und die in der Beherrschung der deutschen Sprache so manchem „Eingeborenen“ haushoch überlegen sind.

Cem Özdemir ist ein gutes Beispiel dafür. Ich schätze den türkischen Schwaben.

Wolfgang Lauenstein, Ludwigshafen

Man muss Frau Marinic sicher recht geben, dass die Haltung der deutschen Bundesregierung gegenüber Präsident Erdogan nicht klar ist, zum Beispiel in Bezug auf den Flüchtlingsdeal. Und sicher gibt es unreflektierte Fremdenfeindlichkeit in Deutschland – leider. Es ist etwas schade, dass ihre Darstellung durch den sehr furiosen Stil eher weiter polarisiert, als sich um differenzierte Analyse oder gar Lösungsansätze zu bemühen. Man scheint die persönliche Betroffenheit der Autorin zu spüren. Der Artikel lässt den Leser ratlos zurück und hinterlässt, selbst bei wohlmeinenden, toleranten Mitbürgern, ein Gefühl der Ausweglosigkeit – schade.

Manche Sachverhalte scheinen auch sehr einseitig interpretiert. So halte ich es für nicht beabsichtigt von unserem Außenminister, durch seine Äußerung Herrn Özils Lebensleistung in irgendeiner Weise zu diskreditieren, vielmehr scheint er um eine Versachlichung der Diskussion bemüht.

Natürlich hat es eine gewisse politische Ladung, wenn ein Sportler mit dem Bekanntheitsgrad von Herrn Özil und doppelter Staatsbürgerschaft sich von Herrn Erdogan im Rahmen seines Wahlkampfes missbrauchen und dies dann über Wochen unkommentiert lässt. Es geht nicht so sehr um ein Foto mit dem türkischen Staatspräsidenten, es geht um das Bekenntnis zu den Inhalten, für die Herr Erdogan als Diktator steht.

Es ist Herrn Özil nicht zu verdenken, dass er sich seinen Wurzeln verbunden fühlt, aber sehr naiv, nicht die Brisanz zu sehen, die mit diesem Foto verbunden ist. Würde sich ein anderer Spieler der Nationalmannschaft für den türkischen Wahlkampf missbrauchen lassen, würde dies genauso Anstoß erwecken. Herr Gündogan hat sich auch fotografieren lassen, nur durch eine zeitnahe Stellungnahme die Situation in einen Kontext gestellt und damit entschärft.

Herr Özil schreibt, es schlügen zwei Herzen in seiner Brust, vermutlich auch eines für Deutschland. Seine Sympathiebekundung für sein Ursprungsland würde vermutlich nicht irritieren, wenn er auch seine Verbundenheit mit Deutschland ausdrücken würde zum Beispiel durch das Mitsingen der Nationalhymne vor dem Spiel. Dieses trotzige sich Enthalten kränkt sehr viele hier im Lande und trägt sicher auch zu einer Polarisierung der Diskussion bei. Es hinterlässt so das Gefühl: „Ich mache zwar hier mit, finde es aber eigentlich nicht gut“.

C. Messemer, Waldsee

Frau Marinic schreibt einen fairen Artikel, der bei den meisten Lesern Zustimmung finden wird! Leider hat sie bei ihren Betrachtungen dem Umfeld von Mesul Özil nicht ausreichend viel Beachtung geschenkt, denn mancher Leser fragt sich zu recht: Wo bleiben zum Beispiel Antworten auf folgende Fragen? „Welche Rolle spielt in diesem ,Deutschen Drama’ der Nationaltrainer Jogi Löw?“ Oder anders gefragt: „Wer ist Herr Jogi Löw wirklich?“ Und zusätzlich: „Wo ist der ,Spiritus Rector’ der National-Mannschaft, wenn es in der Welt des Fußballs brennt?“ (Amicus certus in re incerta cernitur – frei übersetzt: Freunde in der Not, gehen 1000 auf ein Lot?) Der Verdacht liegt nahe, dass in der Fußball-Welt Themen wie Migration und Integration nur eine untergeordnete Rolle spielen. Thema Nummer eins ist und bleibt „Money, Money, Money!“ Somit gehen die emotionalen, ehrenwerten Gedanken Ihrer Autorin zum großen Teil an der harten Wirklichkeit vorbei!

Dieter H. Sommer, Bensheim

Herr Löw hält sich in der Affäre Özil nun vornehm zurück, wo er doch so sehr um Verständnis für Özil nach dessen Fotoshow und Huldigung mit beziehungsweise an Erdogan gebeten hat. Nun wissen wir inzwischen, dass Özil für seinen Rundumschlag die gleichen Berater eingesetzt hat, die auch für Herrn Löw arbeiten. Glaubt da noch jemand, dass Löw von der ganzen Geschichte nichts gewusst hatte? Es bleibt einem investigativem Journalisten vorbehalten, diese Verknüpfungen und das Verhalten von Löw vor und nach Özils Rücktritt aus der Nationalmannschaft aufzudecken. Sicherlich werden wir hierzu noch einiges erfahren. Bereits jetzt wird spekuliert, dass Löw Trainer der türkischen Nationalmannschaft wird.

Karl Manhart, Mannheim

„Deutschland zerfetzt den ungehorsamen Migranten“. Welches Deutschland? Wer ist dieses Deutschland? Ein Rundumschlag? Ich bin Jahrgang 1954 und wuchs ab Ende der 1950er Jahre zusammen mit Kindern von Gastarbeitern oder Flüchtlingen aus dem Baltikum auf. Man spielte zusammen auf der Straße, ging zusammen zur Schule. Ausländerfeindlichkeit oder gar der inzwischen gerne benutzte Rassismus waren und sind mir bis heute fremd! Warum diese Pauschalurteile?

Rainer Froitzheim, Mannheim

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