Leserbrief

Abstand als neue Normalität

Zum Debattenbeitrag „Sollten wir uns an die „neue Normalität“ des Abstandhaltens gewöhnen, Herr Quarch?“ vom 9. Mai:

Mit Genuss las ich die Ausführungen des Philosophen Quarch über die Normalität. Schmunzelnd erinnerte ich mich an die Kindheit, als die liebe Mutter mein Verhalten als nicht normal einstufte und ich mir Sorgen machte, ob ich nicht behindert sei. Später merkte ich dann, dass diese Abqualifizierung ein Schutz ist, um etablierte eigene Normen nicht auf den Prüfstand stellen zu müssen, vergleichbar mit der Aussage „es ist halt so“.

Normalität bedeutet neben Selbstverständnis und Gewohnheit im Alltagsleben auch Durchschnitt, zum Beispiel normal begabt. Normalbenzin stillt den Durst von nicht hoch verdichteten Motoren. Die Deutsche Industrie Norm bietet uns einen verlässlichen, nachvollziehbaren Rahmen von Größen und Merkmalen, deren fehlende Standards wir alle im Moment beim Abriss der Hochstraße Süd in Ludwigshafen zu spüren bekommen.

Neue Normen in Zeiten von Corona wie Reproduktionszahl, Mindestabstand oder Kontaktbeschränkung haben in Windeseile sich in unserem Leben etabliert. Wer Normen (Gebote, Gesetze, geschrieben oder ungeschrieben) nicht respektiert, wird mit Verachtung, Bußgeld, Freiheitsentzug oder schlimmstenfalls mit dem Tod bestraft. Die Normen haben ihren Ursprung in den zehn biblischen Geboten, wer heute nach ihnen lebt, wird gern belächelt und als anormal eingestuft. Normal ist heute der sündhafte, ausschweifende Lebensstil, oft versucht die jüngere Generation der älteren zu erklären, was heute die Norm ist, die durch die Gesetzgebung (mit Verzögerung) teilweise legitimiert wird.

Nächstenliebe gebietet Schutz

Der Wunsch des Autors, sich wieder auf den Ursprung zu konzentrieren (gesundes Miteinander) wird wohl ein Wunsch bleiben. Die Kräfte werden schon wieder gebündelt, um die Standards vor Corona zu erreichen, auch kommt bei der verbesserten Ökobilanz keine Freude auf, weil diese aus erzwungenem Verzicht resultiert. Verzicht? Okay, aber bitte nicht bei mir. Die Antwort auf die Ausgangsfrage gibt der Autor selbst, jede neue Norm sollten wir nicht einfach zur Gewohnheit werden lassen, doch gebietet die Nächstenliebe den Schutz des Anderen vor einer eventuellen Ansteckung.

Glücklich ist derjenige heute, der wie von einer schönen Reise von innigen Umarmungen der lieben Nächsten zehren kann, dessen eigene Norm schon vor Corona ein gesundes Miteinander war. Jörg Biberacher, Mannheim

Info: Originalartikel unter https://bit.ly/2Lu4JrO