Leserbrief

Leserbrief: Zur Diskussion über das geplante "Ritterland"

Aktivitäten verharmlost

Über die Idee, das Mittelalter zu präsentieren, kann man geteilter Meinung sein. Worum es hier geht, ist insbesondere die Vermarktung dieser Epoche auf einem Areal in weniger als 300 Meter Entfernung von unserem Wohnort. Die Betreiber können uns nicht davon überzeugen, dass bei geplanten Investitionen von zirka 50 Millionen Euro mit den beim Infoabend vorgestellten harmlosen Aktivitäten Besucherströme von 900 000 Personen pro Jahr erreicht werden.

Wer glaubt im Ernst, dass eine Familie 100 Kilometer reist und 80 Euro Eintritt zahlt, nur um fünf Stunden durchs Grüne zu schlendern, über die Schulter einer Kräuterfrau zu schauen, ein Reiterzelt und ein paar Höhenrinder zu bewundern?

Dafür gibt es genug Freilandmuseen, die allerdings meist von Zuschüssen der Kommunen und Spenden gerade so leben. Es wird daher versucht, die abertausenden Besucher mit reiner Action anzulocken: Ritterschlachten, Kämpfe, Waffenduelle zerbersten das Mauerwerk. Blasinstrumente werden die Ereignisse lautstark begleiten im Verein mit dem Geschrei der Profiritter und des Publikums. Natürlich wird der gute Ritter, pädagogisch korrekt, gewinnen und der böse verlieren. Aber wie im 13. Jahrhundert eben nicht leise und mit Rücksicht auf das Fußvolk in Lindelbach, dessen Land die Ritter im 21. Jahrhundert soeben zu kaufen suchen.

Solche oder ähnliche Aktivitäten werden mehrmals am Tag stattfinden, denn die Familie aus Nürnberg, die um 14 Uhr kommt, will wie jene aus Stuttgart, die von 9 bis 13 Uhr im "Ritterland" ist, etwas für ihr Geld erleben. Das werden auch die sagenumwobenen unbekannten 50 Millionen Euro schweren Investoren verlangen. All das findet nicht am Computer zu Hause, sondern nur 300 Meter von Lindelbach entfernt statt, zehn Stunden pro Werktag, jedes Wochenende und jeden Feiertag, von März bis Oktober.

Zur Info an die Stadträte, die die Gegebenheiten in Lindelbach nicht kennen: Wenn im Sommer an vier Abenden beispielsweise auf dem "CDU-Grillplatz" mittendrin im geplanten Gelände ein Dutzend junger Leute mit Gitarre sitzt, können wir in Lindelbach im Neubaugebiet auf der gegenüberliegenden Bergseite mitsingen, obwohl wir den Platz nicht einmal sehen. Aber hier fühlt sich keiner gestört, es sind eben nur vier und nicht 400 Veranstaltungen im Jahr. Es komme jetzt bitte keiner auf die Idee, das seien nur 30 Häuser, die verbuchen wir als Kollateralschaden!

Die Verwaltung will zunächst die Daten der Bewerber analysieren und dann das Vorhaben mit dem Stadtrat diskutieren und die bewerten. Es verwundert, dass noch bevor irgendeine qualifizierte Untersuchung über die Folgen und Auswirkungen des großen Eingriffs in das Leben der Bürger von Lindelbach, Bettingen und Urphar durchgeführt wurde, schon jetzt die Lindelbacher Eigentümer vor einem Notar die Optionsverträge abschließen müssen.

Haben diese Bürger kein Recht auf diese Informationen, bevor sie ihre Äcker verkaufen? Wie ist es möglich, dass bereits felsenfeste Verträge abgeschlossen werden, wenn die Gespräche mit den Geldgebern voraussichtlich erst Mitte des Jahres abgeschlossen sein sollen?

Wir können und werden viele weitere Fragen öffentlich stellen und erwarten, dass die Stadtverwaltung im Laufe des Verfahrens rechtzeitig zur Klärung aller offenen Punkte beiträgt.