Leserbrief

Am Leben vorbei leben

Zum Artikel „Unser Laden wirkt überaltert“ vom 21. Juli:

Wieder einmal wird der anhaltende Mitgliederschwund unserer großen Kirchen beklagt. Das ist jedoch kein Wunder: Offenbar bedarf unsere ach so christliche Wohlstandsgesellschaft dringend einer Art Ordnungstherapie. „Die Welt ist aus den Fugen!“ stellt unsere weltweit geschätzte Bundeskanzlerin (bekanntlich mit christlichen Wurzeln) fest.

Die mangelhafte Ordnung in den Gesellschaften unserer modernen Welt hat viele Gesichter: Besonders bedrohlich ist die gigantische Unordnung in der Natur, vor allem durch uns Menschen verursacht (Klimawandel, Artenschwund durch Agrarindustrie und so weiter). Globalisierte Unordnung weltweit. Die sterbende Kultur unserer Zeit wird von schwersten Erschütterungen heimgesucht: aufgeblähte Institutionen, unersättliche und korrupte Wirtschaftsgiganten, aggressive Wettbewerbe, Politikverdrossenheit, von Lobbys gesteuerte Regierungen, verflachter Unterhaltungskonsum und so weiter. Alles in allem sterbende leere Hüllen, die sich nur mühsam aufrecht halten.

Besonders Jugendlichen fehlt in einer solchen Umwelt die unverzichtbare Orientierung. Es war noch nie so leicht wie heute, am Leben vorbei zu leben. Die Besinnung auf christliche Grundwerte wäre eigentlich eine gewaltige und lohnende Aufgabe für unsere Kirchen. Der auch von Nichtchristen hochgeschätzte Papst Franziskus (sehenswerter Film „Franziskus“ von Wim Wenders, derzeit im Kino; lesenswert: päpstliche Enzyklika „laudato si“) bemüht sich unter großen Widerständen, wieder an den Wurzeln des Christentums anzuknüpfen und endlich die Botschaften von Jesus selbst und auch die eines Franz von Assisi ernst zu nehmen.

Das ist ja auch das Anliegen der Mystiker der großen Religionen: Gott will nicht angebetet und verehrt werden. Gott will und muss gelebt werden.

Gerhard H. Berger, Heidelberg

Der Bürger ist heute in vielem viel mündiger geworden, verfügt über Wissen, sich für das eine oder andere entscheiden zu können. Er oder sie hat die Wahl. Das Markenzeichen der Landeskirchen ist, die Agape – Liebe – zu geben, ohne unbedingt dafür etwas zurückbekommen müssen. Jesus hat das in vielen Dingen in der Begegnung mit Menschen auf den Straßen und öffentlichen Plätzen getan.

Neue Kommunikationsformen

Die Kirchentage zeigen bis heute auf, wie sich dabei viele Menschen, die selbst mit der Kirche nichts mehr auf den Hut haben, angesprochen fühlen. Liebe bedarf der Interaktion, des Dialogs, davon ist in den Gottesdiensten nur wenig vorzufinden. Stattdessen Heranpredigen als Soloveranstaltung mit Musik, Liedern und Texten, die den Einzelnen nur noch wenig im Herzen berühren.

Viele Theologen fühlen sich dabei selbst nicht wohl, sie spüren, dass sie mit den jetzigen Gottesdienstformen an die Menschen heranreden, woraus kein wirkliches gemeinsames Erleben zustande kommt. Warum fällt es der Kirche so schwer, andere Kommunikationsformen zu entwickeln?

Manfred Fischer, Mannheim

Info: Den Originalartikel lesen Sie hier.