Leserbrief

Leserbrief Zum Leserbrief „Den Kameraden in den Rücken gefallen“ (FN, 27. Juli)

Aspekt des Rassismus’ bleibt außen vor

Sehr geehrter Pfarrer Zopora, in Ihrem letzten Leserbrief brandmarken Sie Mesut Özil als „Verräter“ und lassen den Aspekt des Rassismus, welchen diese Debatte im Kern prägt, komplett außen vor. Man muss sich kulturwissenschaftlich fragen: Wer oder was ist hier eigentlich „schwarz“? Offensichtlich keine Hautfarbe. Es ist eine diskursive Formation.

Eine Arbeit über die Entwicklung rassenbasierter Sklavereisysteme, welche ich am Flagler College (St. Augustine/Florida) schrieb, zeigte, dass „Schwarz“ ein in unserer Kultur vor allem durch das Christentum geprägter Frame ist, welcher mit „anders“ beziehungsweise „nieder(er)“ kollokiert.

Im Gegensatz dazu entwickelte sich vor allem durch die Propaganda der englischen Königin Elisabeth I. („The Virgin Queen“) „weiß“ als positiver Frame („jungfräulich“, „unschuldig“, „rein“), und dies zunehmend ab dem 16. Jahrhundert.

Dazu passt eine Anekdote mit dem Besitzer eines türkischen Restaurants in Lauda (beziehungsweise er würde auf dieser Formulierung bestehen: ein kurdisches Restaurant), mit dem ich häufig beim Pendeln sprach: „Weißt du, wir Schwarzköpfe, wir sind doch an allem Schuld wenn’s grad passt.“

Wissen Sie, wie man Anhänger von Subkulturen häufig nennt? Schwarzkittel.

„Schwarz“ steht hier zunächst für „anders“, nicht als biologische, sondern als soziale Kategorie. In diesem Sinne hat jeder Mensch auch in stark auf Homogenität basierenden Gesellschaften (bei uns ist das ein Nachhall des Wilhelminismus) etwas, was ihn „anders“ macht.

Die sogenannten Minderheiten sind also eigentlich eine Mehrheit!

Welche Farbe hat Ihre Soutane noch gleich, Herr Zopora?