Leserbrief

Hier hat der Leser das Wort: Zu "Immer wieder öffnen sich neue Türen" (FN 11. Februar)

Auch Karl Seher war maßgeblich beteiligt

Als der Artikel erschien, fragten mich alte Wertheimer: "Warum sagst Du nichts dazu? Dein Vater war doch maßgeblich beteiligt." Ich konnte nichts dazu sagen. Mein Vater ist 1950 verstorben. Wir haben damals viel darüber gesprochen, aber ich habe keine Zeugen und keine Beweise. Gespräche, die ich mit den im Artikel genannten Personen hatte, führten auch nicht weiter, allerdings erhielt ich einen Hinweis, dass im Archiv Unterlagen sein müssten.

Im Staatsarchiv Bronnbach, Abteilung Stadtarchiv Wertheim, stellte ich dann fest, dass es vier Dokumente zu den Ereignissen des 1. April 1945 gibt: Ein Protokoll vom 1. August 1945 von Heinrich Herz, Direktor, Anton Dinkel, stud. med., und drei weitere Protokolle vom 8. März 1947 von Karl Mehling, Karl Seher und Georg Staubitz.

Das Protokoll meines Vaters lautet wie folgt:

"Geschehen, Wertheim, den 8. März 1947. Vor dem Bürgermeisteramt erscheint: Herr Karl Seher, Kaufmann in Wertheim, Bahnhofstraße 3, und erklärt auf geeignete Verständigung: Beim Herannahen der amerikanischen Truppen am 1. April 1945 wurde von dem Direktor Heinrich Herz und dem Sohn des Schmiedemeisters Christoph Dinkel auf dem Pulverturm des Schlosses die weiße Fahne hochgezogen, um die Stadt zu schützen.

Als später mehrere Schüsse in das Stadtinnere fielen, ging ich zum Rathaus gegen 1/2 fünf Uhr und hörte von dem Polizisten Karl Mehling, dass die weiße Fahne auf Veranlassung des Bürgermeisters Dürr wieder hatte eingezogen werden müssen.

Ich eilte sofort mit Mehling zum Schloss, ließ mir von Frau Mehling, der Ehefrau des Schlosswartes, einige weiße Bettücher geben, brachte diese an der Altane an und habe selbst vom Wirtschaftsturm aus den auf der Schießhauswiese stehenden amerikanischen Truppen zugewunken und zugerufen. Dadurch wurde die auf fünf Uhr angesetzt gewesene Beschießung der Stadt verhindert.

Später sah ich noch, wie Bürgermeister Dürr mit Polizeimeister Berchtold mit einer weißen Flagge den Amerikanern entgegenging."

Ohne die Verdienste der Herren Dinkel und Herz im geringsten schmälern zu wollen, muss man doch einmal fragen dürfen, warum man in der Stadt Wertheim seither doch etwas lässig in dieser Angelegenheit recherchiert hat. Außerdem ist es wohl einer Frage wert, warum man von Seiten der Schule junge Menschen an ein so sensibles Thema setzt, ohne ihnen die nötigen Handreichungen für die Aufarbeitung historischer Dokumente zu geben.