Leserbrief

Aufhören, in Rosa und Blau aufzuteilen

Zum Artikel „Wir stehen am Anfang des Zeitalters der Frauen“ vom 8.4.:

Schön, dass in Ihrer Zeitung zunehmend Frauen zu Wort kommen und schön, dass ein feministisches Thema behandelt wurde. Schade, dass dies auf oberflächliche Art geschah und altbekannte Bereiche gestreift wurden, wie die Benachteiligung von Frauen im Beruf.

Auch die häufig gehörten Appelle an die Frauen, sich mehr zuzutrauen, gehen ins Leere. Denn zum sich Trauen gehört Selbstvertrauen, und das entsteht weder durch gute Worte noch durch Pillen. Wer nicht nur in Sonntagsreden, sondern ernsthaft an Veränderungen in Richtung gleicher Chancen für Frauen und Männer interessiert ist, sollte nicht immer wieder die Symptome aufzählen, sondern den Ursachen für fehlende Chancengerechtigkeit nachgehen, die keineswegs in der Genetik zu suchen sind, wie es von den Profiteuren und Bewahrern der Chancenungerechtigkeit seit Jahrhunderten vertreten wird.

Guter Abschluss, weniger Geld

Stattdessen gilt es, die höchst unterschiedlichen Geschlechterrollen und deren Ursachen und Folgen seriös zu hinterfragen. Einige Beispiele: Wieso lässt es eine Gesellschaft zu, dass Frauen dank einer speziell prostitutionsfreundlichen Gesetzgebung in Deutschland – auch in Mannheim – in großer Zahl als Sexsklavinnen vermarktet werden? Warum stöckeln Politikvermittlerinnen im Fernsehen zunehmend auf Highheels durchs Studio? Wieso müssen sich Leichtathletinnen bei ihrem Sport in bauchfreien Trikots und Beachballerinnen in knappsten Bikinis präsentieren?

Warum tauchen in den meisten Krimis martialisch zugerichtete weibliche Opfer auf, die zudem halb- oder ganz nackt auf dem Sektionstisch vorgeführt werden? Wieso entscheiden sich junge Frauen trotz guter Schulabschlüsse nach wie vor für Berufe mit schlechterer Bezahlung und geringen Aufstiegschancen, wieso übernehmen sie auch im Jahr 2019 in Paarbeziehungen und Familien die unbezahlten Reinigungs-, Erziehungs- und Pflegearbeiten und warum tun junge Männer dies nicht?

Oder anders gefragt: Wann werden wir endlich aufhören, Menschen von Geburt an in Rosa und Blau einzuteilen und den Blauen die Rolle des aktiv-aggressiven Kämpfers, Beschützers, Ernährers – und den rosa Geschöpfen die der passiv-dienenden, sich durch Perfektionierung ihres Äußeren auf die Eroberung durch einen Blauen vorbereitenden anzutrainieren?

Ulrike Thomas, Mannheim

Info: Originalartikel unter http://bit.ly/2GfRLwh

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