Leserbrief

Autor schiebt Deutschen die Schuld zu

Zunächst möchte ich vorausschicken, dass in der von Herrn Merey angeführten Befragung aus dem Jahre 2016 offensichtlich 46 Prozent der aus der Türkei Zugewanderten keine mangelnde Anerkennung beklagen. Die Titel-Frage ist also zu pauschal negativ und müsste lauten „Warum gelingt mehr als der Hälfte der türkischstämmigen Migranten die Integration bei uns nicht?“ Aus meiner Sicht beantwortet der Autor des zur Diskussion gestellten Textes diese Frage nicht mit der notwendigen Ausgewogenheit. Er schwankt zwischen vorwurfsvollem emotionalem Engagement für die türkische Seite und rationaler Einsicht in die Bringschuld der Einwanderer. Da er sich sehr stark mit seinem türkischen Vater identifiziert, überwiegen die Emotionen und er geht so weit, die Verantwortung für die Enttäuschungsgefühle seines Vaters der deutschen Gesellschaft zuzuschieben. Ich denke, er sollte sich fragen, warum ein Türke, der in München studiert, eine Deutsche geheiratet, eine Führungsposition in einer deutschen Firma bekleidet und zwei erfolgreiche Kinder erzogen hat, Herrn Erdogan braucht, um so etwas wie Stolz zu empfinden. Und warum er es nicht schafft, gelegentliche Diskriminierungen souverän zu ignorieren, jedenfalls nicht der gesamten Gesellschaft zur Last zu legen.

Wählerstimmen verletzen

Auch ich als Frau, obwohl nicht mal in der Minderheit, bekomme nicht immer die Anerkennung, die ich mir wünsche, und wie viele Beschimpfungen, sogar von offizieller türkischer Seite, müssen Deutsche schlucken! Damit soll nicht gesagt sein, dass wir uns nicht noch mehr Mühe bei der Differenzierung geben und nicht noch mehr Verständnis für fremde Empfindlichkeiten entwickeln könnten. Nur wünschen wir uns ähnliche Anstrengungen auf der migrantischen Seite.

Ist es so schwer zu verstehen, dass es als undankbar und verletzend empfunden wird, wenn ein Herr Özil, der in der deutschen Nationalmannschaft Karriere gemacht hat, mit Fotos für Herrn Erdogan wirbt und 420 000 Stimmen für Herrn Erdogan von Wählern abgegeben werden, die bei uns Rechtsstaat und Freiheit genießen? Sollen wir ihnen unterstellen, dass sie ihren in Deutschland erlebten Frust an den Brüdern in der „Heimat“ auslassen, die das Wahlergebnis ausbaden müssen? Für dieses Verhalten den Deutschen die Schuld zu geben, halte ich für extrem unfair. Die Ursachen sind wohl eher die türkische Rundfunkpropaganda oder türkische Imame in den Ditib-Moscheen.

Auch der Hinweis des Autors auf die erfolgreiche Integration seiner Schwester in den USA scheint eine Spitze gegen die deutsche Gesellschaft zu enthalten. Möglicherweise spielen hier aber der größere Abstand zur türkischen Einflusssphäre, die ausgeprägtere weibliche Anpassungsfähigkeit und die restriktivere amerikanische Einwanderungspolitik eine Rolle.

Regina Ratzel, Mannheim