Leserbrief

Bankrotterklärung für die Integration

Zum Artikel „Wir brauchen klare Spielregeln“ vom 26. Juni:

Die in Mannheim lebenden Türken seien „vernünftig“, meint Talat Kamran – und er erwartet keine wachsenden Spannungen zwischen Erdogan-Anhängern und anderen Bevölkerungsgruppen in Mannheim.

Nun, unmittelbar nachdem der Autokrat vom Bosporus sich selbst zum Sieger der Wahl erklärt hatte – lang bevor alle Stimmen ausgezählt waren – habe ich rund um den Wasserturm ganz andere Eindrücke gewonnen. Zufällig war ich dort im Pkw unterwegs, als Erdogan-Anhänger grölend, hupend und fahnenschwenkend zum Autokorso starteten. Das rabiate Bedrängen anderer Verkehrsteilnehmer, das aggressive Zeigen des „Wolfsgrußes“ – einer einschlägigen Geste türkischer Rechtsextremer – und das rücksichtlose Blockieren unbeteiligter Autos bot ein erschreckendes Bild.

Viele jungen Türken dabei

Zahlreich daran beteiligt waren nicht etwa nur ältere Zuwanderer, sondern auch viele junge Türken, darunter viele junge Frauen, die hier in einem liberalen Land aufwachsen (das genau so etwas zulässt, ohne dass sofort Wasserwerfer auffahren wie in Istanbul – die Polizei war im Gegenteil extrem zurückhaltend), aber einen Autokraten feiern, der in der Türkei die Pressefreiheit mit Füßen tritt, ein extrem konservatives Frauenbild propagiert und Andersdenkende einsperren lässt.

Nicht nur die Türken sollten sich „Gedanken über das Zusammenleben in der Stadt“ machen, wie es Stefan Proetels Artikel formuliert – auch alle Deutschen sollten das spätestens jetzt tun. Denn was am Sonntagabend rund um den Wasserturm zu beobachten war, ist – man muss es leider so klar sagen – eine Bankrotterklärung für die Integration und offenbar auch für den Integrationswillen einer leider nicht kleinen Zahl hier lebender Menschen mit türkischem Migrationshintergrund.

Erdmann Lange, Mannheim

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