Leserbrief

Südumgehung: Zur Aktion der Naturschutzgruppe Taubergrund

Bau würde das Ende für das Naherholungsgebiet bedeuten

Meinungsäußerungen wie "Das ist ja entsetztlich, das würde die ganze schöne Landschaft kaputtmachen" waren von Bad Mergentheimer Bürgerinnen und Bürgern allenthalben zu hören. Hervorgerufen wurden sie durch eine beispielhafte Aktion der Naturschutzgruppe Taubergrund, die den Verlauf der geplanten Südumgehung mit weiß-rotem Abgrenzband und daran befestigten Luftballons sichtbar machte. Das Straßenbauprojekt würde von der Häslespange an der Kaiserstraße quer über wertvolles Ackerland, Wiesen und Hecken hinunter zur B19 bei Igersheim führen. Dabei stieß das geplante Straßenbauprojekt, das ein Stück intakter Landschaft zerschneidet, bei den meisten spontan auf Ablehnung. So würden nicht nur Ackerland und Wiesen unter Asphalt und Schotter begraben, sondern mit der Beseitigung von Hecken, Sträuchern und Bäumen auch Lebensraum von seltenen Tier- und Pflanzenarten wie Nachtigall, Neuntöter und Orchideen zerstört werden.

"Halt - Hier endet in Zukunft Ihr Spazierweg". Dieses Schild führte drastisch vor Augen, dass die geplante Südumgehung auch für das bei Einwohnern und Kurgästen beliebte Naherholungsgebiet mit schönen Spazierwegen von Bad Mergentheim nach Igersheim und auf die Burg Neuhaus das Ende bedeuten würde. Und auch den Kindern des Weberdorfes, die auf den dortigen Wegen noch von Autos ungefährdet mit ihren Fahrrädern unterwegs sein können, würde ein weiteres Stück Spiel- und Freiraum genommen. Eine weitere Sorge der Bewohner des Weberdorfs ist die entstehende Lärmbelästigung, die sich ungehindert über das Tal bis zu den Wohnhäusern ausbreiten kann. Ein wichtiges Argument der Gegner der Südumgehung ist die zu erwartende Verkehrsbelastung, die den Neubau dieser Straße nicht rechtfertigen würde. Danach stehe den hohen Kosten kein entsprechender Nutzen für die Stadt gegenüber. Laut einem Verkehrsgutachten würden lediglich 16 Prozent der auf der B 19 aus Igersheim kommenden Autofahrer weiter in Richtung Crailsheim oder Künzelsau fahren wollen. Von den anwesenden Stadträten wurde die Aktion gelobt, habe man doch nun endlich einmal vor Augen gehabt, was einem sonst nur auf dem Kartenpapier am Schreibtisch begegne". Auch meine Wenigkeit appellierte in einem "Offenen Brief" an den Rat der Stadt, dieses umweltbelastende Projekt zu den Akten zu legen. Das Ergebnis ist bekannt: Der Grundsatzbeschluss pro Südumgehung wurde bei wenigen Gegenstimmen vom Gemeinderat gefasst. Eine ganze Generation, fast ein Vierteljahrhundert (!), ist es her, seit diese beispielhafte Aktion der Naturschutzgruppe stattgefunden hat. Sie wäre zwischenzeitlich wohl besser wiederholt worden (würde selbst heute noch Sinn machen) - zu kurz ist das menschliche Erinnerungsvermögen, zu schnellebig unsere Zeit. Und lange Zeit sah es ja tatsächlich so aus, als würde die Südumgehung zu einem Papiertiger mutieren. Die vielen direkt oder indirekt Betroffenen durften sich berechtigt Hoffnung machen, dass dieser vergiftete Kelch an der Stadt und damit ihnen vorüber ziehen würde, insbesondere seit OB Dr. Barth die Zeichen der Zeit erkannt zu haben schien und mit seinem mutigen, wenngleich umstrittenen Schreiben an das Verkehrsministerium (Eigen-)Initiative gegen das Projekt im Interesse einer kurstadtgerechten Verkehrsentwicklung entfaltet hatte. Doch weit gefehlt! Es bedurfte lediglich beharrlicher Überzeugungsarbeit eines beziehungsreichen Politikjuristen, geadelt durch Ministerehren, gegenüber dem "Kollegen" Bundesverkehrsminister und schon erwachte der Papiertiger zu neuem Leben. Auf einmal war auch die Finanzierung kein Thema mehr - knapp 10 Milliönchen in Zeiten überquellender Kassen sollten da kein Hindernis sein und der Stadtsäckel ist ja bekanntlich auch randvoll und es fehlt an sinnvollen Investitionsmöglichkeiten. Die Meinung betroffener Bürger, Landwirte, Anwohner, zählten nichts, ja selbst die Initiative des Stadtoberhauptes gegen diese problematische Straße wurde missachtet, ja der Lächerlichkeit preisgegeben. Dabei trifft heute mehr zu denn je was seinerzeit zu lesen war und in Stellungnahmen seitens der Naturschutzgruppe Taubergrund und Grundeigentümerin Frau Hedwig Fischer jüngst in der Presse bekräftigt wurde: Das Artensterben durch Lebensraumzerstörung grassiert, die Naturbeeinträchtigung durch ein so gewaltigen Eingriff in das Naturgefüge ist durch sogenannte Ausgleichsmaßnahmen nicht einmal ansatzweise wieder gut zu machen, die Landwirtschaft ist stark beeinträchtigt, Existenzen möglicherweise gefährdet. Wirft man die überaus berechtigten Interessen von 60 (!) nunmehr enteignungsbedrohten Grundstückseigentümern, auf deren Anhörung man nach altbewährter Gutsherrenart bis heute ja großzügig verzichtet hat, mit in die Waagschale, so schlägt diese derart gegen diese Umgehungsstraße aus, dass man kaum glauben möchte, dass ein mehrheitlicher Konsens dafür bei den Verantwortungsträgern für das Wohl unserer Stadt heute noch möglich ist.

Denn wer die Entwicklung von Natur und Technik in den vergangenen Jahren und Jahrzehnten aufmerksam verfolgt hat, dem kann kaum entgangen sein, dass die Rahmenbedingungen heute ganz andere sind, als zum Zeitpunkt der Beschlussfassung und auch das Problembewusstsein ist gewachsen. Mit dem Wissen von heute sollte der Abwägungsprozess pro oder contra Umgehung ein anderes Ergebnis zeitigen - die Zeit hat dieses Projekt längst überholt!

Dies anhand von Beispielen zu erwartender Beeinträchtigungen vor dem Hintergrund des technischen Fortschritts und der Ist-Situation zu konkretisieren muss einem weiteren Leserbrief zu gegebener Zeit vorbehalten bleiben.