Leserbrief

Beim Thema Plastik schaut die Politik weg

Zum Artikel „Zahnbürsten und Handyhüllen aus Bananenschalen“ vom 30. Oktober:

In Anbetracht der Tatsache, dass in den von uns gern belächelten Schwellenländern wie zum Beispiel China und Indien bereits seit vielen Jahren in großen Teilen dieser Länder Plastiktüten, Plastikbecher, Plastikverpackungen und so weiter verbannt sind, erweckt die kühne Einzelleistung der Dossenheimer Studentin Sarah Harbarth ungläubiges Erstaunen. Mut und Weitsicht zumindest hat diese Studentin bewiesen. Das verdient Anerkennung.

Lobby der Verpackungsindustrie

Deutschland verfügt seit Jahrzehnten über das erforderliche Wissen und auch über die Technologie, auf Ersatzstoffe auszuweichen, tut es aber nicht. Gegen eine übermächtige Lobby der Verpackungsindustrie kämpfen selbst Götter vergebens. Es gibt derzeit rund ein Dutzend preiswerte und verfügbare Rohstoffe, die mittels einfacher Verfahren das Plastikmaterial zu ersetzen in der Lage sind. In Indien wird zum Beispiel die Rinde der häufig vorkommenden Areca-Palme industriell genutzt, welche zu 100 Prozent biologisch abbaubar ist. Inzwischen geht man dort einen Schritt weiter und stellt eine Vielzahl von Gegenständen des täglichen Bedarfs aus diesem Material her.

Es ist besonders wichtig, darauf hinzuweisen, dass Plastik sowohl bei der Herstellung wie auch bei der Entsorgung die Umwelt erheblich mit Schadstoffen belastet. Lobbyisten werden sofort einwenden, dass dieser Baum bei uns nicht vorkommt. Korrekt, aber der Verfasser könnte zwei Dutzend Länder benennen wie Kanada, Australien, Neuseeland, Emirate, Oman und so weiter, wo dieser Rohstoff zur Weiterverarbeitung importiert wird. Fluglinien des Mittleren und Fernen Ostens verwenden bereits dieses sehr leichte und handliche Material für den Bordservice.

Es stellt sich die Frage, warum lässt sich all das in einem angeblich innovativen und auf die Umwelt bedachten Deutschland nicht realisieren? Alles unterliegt in Deutschland einer Richtlinie, bis hin zum verpackungsgerechten Wachstum von Obst und Gemüse. Bei Plastik versagt die Reglementierungswut. Der Verfasser hat aus eigener Anschauung das Ende der Plastiktütenära in China erlebt. Von der Beschlussfassung bis hin zur Realisierung vergingen ganze drei Monate. Deutschland hingegen macht fröhlich weiter. Das erfreut die Industrie und die Politik schaut weg, wie stets, wenn rasches Handeln geboten ist.

Wolfgang H. Rudolf

Mannheim

Info: Originalartikel unter https://bit.ly/2TM4UmA